"Ihre gantze Lage paßt nicht auf sie"

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Sa, 07. Juni 2014

Emmendingen

Sonntag, 8. Juni, ist der Todestag von Cornelia Schlosser, der Schwester Goethes / Ihr Leben in Briefen von Zeitzeugen.

EMMENDINGEN. Das Leben von Cornelia Schlosser, der Schwester von Johann Wolfgang von Goethe, ging am 8. Juni 1777 in Emmendingen zu Ende. Beinahe auf den Tag genau zwei Jahre zuvor hatte ihr Bruder sie zu Beginn seiner Schweizer Reise besucht. In einer Dokumentation der Reise von Karl Koetschau und Max Morris, die 1907 in Weimar im Verlag der Goethe-Gesellschaft herausgegeben wurde und sich jetzt in der Hachberg-Bibliothek befindet, finden sich Zitate und Briefauszüge (in der originalen Schreibweise), die ein helles Licht auf die damaligen Umstände im Gemeinwesen und insbesondere in der Familie Schlosser werfen.

"Morgen geht’s nach Emmedingen", heißt es in Goethes Schreiben vom 26. Mai. Den Weg von Straßburg dorthin und das Schlossersche Haus schildert Sophie La Roche, die 1784 nach Emmendingen kam, als an Cornelias Stelle schon Johanna Fahlmer als Hausfrau waltete: "ich reiste … von Straßburg ab, sah die schönsten Fruchtfelder, und Dörfer mit wohlhabenden Leuten bevölkert, aß in Offenburg, einer artigen kleinen Reichsstadt vier Meilen von Straßburg an der Kinzig, zu Mittage, in dem Flecken Kinzingen zu Nacht … und kam hierher nach Emedingen zu unseren Freunden, Schlosser (Johann Georg Schlosser, 1739-99, Badischer Oberamtmann) . … Unsere Freunde wohnen am Ende des artigen Städtchens in einem sehr geräumigen mit Geschmack und Verstand eingerichteten Hause. … Nachdem führten sie uns durch eine herrliche Gegend an den großen und schönen Ruinen des Schlosses der alten Markgrafen von Baden Hochberg vorbey, nach einem Bleibergwerk. … Die Spinnerei in Emmendingen, der so lang versäumte Bergbau, die Salpeteranlage und die damit verbundene Pulvermühle geben dem Lande nicht nur Geld, sondern auch vermehrten Gebrauch und Übung der Kräfte des Verstandes, und der Schätze der Natur."

"Gott lasse es ihr an Leib und Seele gedeihen!" Dieser treue Wunsch (von Luise König, Straßburg) konnte sich an Cornelia Schlosser nur in bescheidenem Maße erfüllen. Ihre Ehe hatte sich nicht befriedigend gestaltet. Im Verkehr mit dem Bruder und von seinem Kreise geistig verwöhnt, fand sie sich jetzt in dem einsamen Emmendingen an einen Mann gebunden, dessen wackere, aber beschränkte Natur ihr nicht genügte, und dessen Berührung ihr körperlich widerstrebte. Dazu kam noch eine hartnäckige Krankheit. Luise König klagt am 18. Mai: "Unsere Schlosserin liegt schon lange an einem Nerven Fieber elend krank, sie war gantzer acht Tage frey davon, gestern aber schrieb sie mir nur mit Bleistift aus dem Bette, daß sie wieder so arg wie je läge, u. kein Vertrauen zu den Artzeneyen hätte, die sie ohne Zahl nehmen müsste. die gute Frau! der arme Mann! freylich verdient sie mehr Glück. ihre gantze Lage paßt nicht auf sie. Ich kann nichts als über sie jammern."

So fand sie der Bruder, als er am 28. Mai mit Lenz eintraf. Mit eigenen Gedanken mag Halbbräutigam Goethe das sieben Monate alte Kind seiner Schwester betrachtet haben. Luise König: "(Lenz) war mit Götte bey der Schlosserin u. kann nicht sagen, was für Wunderwürkung sein Anblick auf ihre Seele und Cörper gemacht haben. Sie ging gleich den andern Tag mit ihnen spatzieren u. soll jetzt gantz wohl sein. o warum müßen solche Menschen voneinander getrennet sein."

"Oh göttliche Frau!

Schutzgeist!"

Lenz kannte Cornelia und das Schlossersche Haus. Er war im Frühling schon in Emmendingen gewesen und, vom Anblick der leidenden Frau ergriffen, hatte er nach seiner flackernden Art eine leidenschaftliche Neigung für sie gefasst. Jetzt begleitete er Goethe, um Cornelia wiederzusehen. In seiner "Moralischen Bekehrung eines Poeten", hat er diese Empfindungen ausgesponnen. Sie endet mit den Worten: "O wer lehrte Dich so die Tiefen meines Herzens zu durchschauen. O göttliche Frau! Schutzgeist!" Dem überschwenglich-romantischen Inhalt und Ende entspricht seine Erinnerung an den Besuch in seinen "Selbstunterhaltungen": "Ach Cornelia wie wohl war mir bey Dir wo ich die Nase hängen lassen durfte wie ich wollte und lachen wenn michs kützelte. … Leb wohl Cornelia! Nimm diese Worte, die ich Dir versiegele, dieses Herz wie ich es in der Stille vor mir selbst ausgeweidet habe, mit starker Seele auf, lern auch diese seltsam drolligte Art Menschen tragen die Du nun an mir kennen gelernt."

Goethes Begleiter waren zunächst in Straßburg zurückgeblieben und wurden nicht sofort empfangen. Dazu heißt es: "In Emmendingen verbot Cornelias Leiden zunächst einen näheren Verkehr im Amtshause, und die Brüder (Grafen Stolberg) schauten sich inzwischen in der Gegend um. "Gestern sind wir in dem katholischen Kloster gewesen", schreibt Fritz Stolberg am 5. Juni (über Tennenbach). "Der Abt und die übrigen Mönche waren sehr freundlich und hatten die wahre Höflichkeit für uns, welche aus einem guten Herzen kommt. … Bei Tisch machten sie uns schöne Musik. Ihr Kloster liegt in einem luftigen Tal zwischen Bergen, welche mit Wald bewachsen sind. … Heute bleiben wir noch hier, wir haben Goethes Schwester noch nicht sehen können; sie ist noch krank; ihr Mann ist ein sehr braver Mann". … Goethe hat seine Schwester hier zum letzten Mal gesehen.

Mitte Juni lässt ein Schauspieltrupp um Sybille Kleinschmitt Cornelias Geschichte dramatisch lebendig werden.