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02. April 2016

Interview mit Frauke von Troschke, Gründerin des Deutschen Tagebucharchivs

Frauke von Troschke hatte vor 18 Jahren die Idee, nach einem Vorbild aus Italien, solche Erinnerungen zu sammeln und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Nun tritt die Gründerin des Deutschen Tagebucharchivs am kommenden Mittwoch als Vorsitzende ab.

  1. Frauke von Troschke Foto: Privat

  2. Ihr Kind ist volljährig: Frauke von Troschke, Gründerin des Tagebucharchivs, tritt ab. Foto: Gerhard Walser

  3. Mehr als 16000 Tagebücher lagern im Emmendinger Archiv. Foto: Walser

EMMENDINGEN. Private Lebenszeugnisse wie Tagebücher sind zu wertvoll für den Dachboden, denn sie erzählen Geschichten von ganz normalen Menschen in ihrem Alltag. Frauke von Troschke hatte vor 18 Jahren die Idee, nach einem Vorbild aus Italien, solche Erinnerungen zu sammeln und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Nun tritt die Gründerin des Deutschen Tagebucharchivs am kommenden Mittwoch als Vorsitzende ab. Im Gespräch mit BZ-Redakteur Gerhard Walser zog die 72-jährige Emmendingerin Bilanz.

BZ: Zunächst einmal, schreiben Sie selbst auch Tagebuch?

Troschke: Die Frage ist naheliegend. Leider fehlte mir bislang dazu immer die Zeit. Vielleicht wird es mir jetzt gelingen. Aber ich liebe es zu schreiben, wenn ich etwa länger im Zug unterwegs bin und Menschen beobachte. Ich stelle fest, dass es gut tut, immer wieder in diesen Aufzeichnungen zu lesen. Das Tagebuch erhält den Alltag, man kann sein Leben noch einmal an sich vorbeilaufen lassen. Ein älteres Ehepaar hat mir einmal erzählt, dass es immer wieder in ihren alten Reisetagebüchern blättere und dadurch die schönen Reisen noch einmal erlebte.

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BZ: Was werden Sie unter dem Datum 6. April 2016 notieren, dem Tag Ihres Abschieds vom Amt der Vorsitzenden?

Troschke: Es sind gemischte Gefühle, die ich da beschreiben würde. Es ist halt eines meiner vielen Kinder, es musste gepäppelt und großgezogen werden. Aber es war auch eine sehr anregende Arbeit und ich habe zum Glück auch immer viele Menschen gefunden, die ich dafür begeistern konnte. Nun werde ich eben in Ruhestand gehen und mich anderen schönen Dingen des Lebens widmen.

BZ: Überwiegt die Erleichterung, das Amt abzugeben, das Sie ja immerhin seit der Gründung des Archivs vor 18 Jahren innehatten, oder die Wehmut, Ihr nun volljährig gewordenes Kind loszulassen?

Troschke: Das ist ausgeglichen. Ich hinterlasse das Archiv ja in einem tollen Zustand. Das Nest ist bereitet. Und viele wissen um seinen Wert und werden es ganz in meinem Sinne weiterführen.

BZ: Wenn Sie zurückblicken, würden Sie sich das wieder antun?

Troschke: Ich habe mir schon einiges angetan in Emmendingen ohne mich zu fragen, kann ich das eigentlich? – denken sie an die Arbeit im Stadtrat oder im Kinderschutzbund. Das waren immer Perioden, in denen ich als Einmischerin mit ausgeprägtem Helfersyndrom aktiv war. Nun ist auch diese Phase zu Ende. Doch, ich würde es wieder so machen. Ich habe bei meiner Arbeit viele interessante Menschen kennengelernt.

BZ: Was betrachten Sie als den größten Erfolg und was ist nicht gelungen?

Troschke: So richtig misslungen ist eigentlich nichts. Der größte Erfolg ist, dass es mir immer gelungen ist, Menschen zu finden, die ich von meiner Idee überzeugen und dafür begeistern konnte und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Die große öffentliche Resonanz ist auch eine wundervolle Bestätigung für die Arbeit, die wir machen.

BZ: Das Emmendinger Tagebucharchiv hat inzwischen in der Wissenschaft bundes-, ja weltweit, einen Namen. Historiker aus vielen Ländern reisen an, um hier zu recherchieren. Nur die Emmendinger tun sich oft noch schwer, diesen Schatz vor der eigenen Haustüre wahrzunehmen. Ärgert Sie das?

Troschke: Nein überhaupt nicht, das kennt man ja auch aus anderen Städten. Immer wieder fragen Besucher auf dem Marktplatz nach dem Archiv und die Menschen wissen oft nicht, wo das ist, obwohl sie mit dem Rücken davor stehen. Da hat sich aber in den vergangenen Jahren einiges geändert, etwa durch unsere Zeitreise-Lesungen, die immer sehr gut besucht sind.

BZ: Das neu eingerichtete Museum ist da sicher auch hilfreich um den Propheten im eigenen Land bekannter zu machen...

Troschke: Das stimmt, das war auch unsere Absicht und wir sind sehr froh über die uns von der Stadt Emmendingen großzügig zur Verfügung gestellten Räume. Im Archiv selbst wird ja konzentriert gearbeitet, da wäre es gar nicht möglich, viele Besucher zu empfangen.

"Ich bin jemand, der

nichts halb machen kann"

BZ: Das DTA hat, wie der Name schon sagt, einen nationalen Anspruch, es ist auch das einzige Archiv in Deutschland, das Lebenszeugnisse von Privatpersonen sammelt und öffentlich zugänglich macht. Trotzdem erhalten Sie von Bund und Land Zuschüsse immer nur auf einzelne Projekte bezogen. Geht Ihnen die ständige Bettelei nicht auf die Nerven?

Troschke: Das kann ich wohl sagen. Wenn wir nicht unsere vielen Mitglieder, Sponsoren und die Stadt hätten, die uns finanziell unterstützen, dann wäre das alles gar nicht machbar. Wir haben schon so viele Versuche in Stuttgart und Berlin gestartet, um planbare und dauerhafte öffentliche Zuschüsse zu bekommen, doch bislang immer vergeblich. Zu zwei Dritteln finanzieren wir uns über Beiträge und Spenden selbst. Die Bettelei ist wirklich eine Zumutung, doch wir werden nicht aufgeben, bis sich das ändert.

BZ: Der Vereinsstatus des Archivs mit 630 Mitgliedern und über 80 ehrenamtlichen Helfern prägt das Archiv. Ist er auf Dauer noch zeitgemäß?

Troschke: Ich sehe dazu keine Alternative. Die ehrenamtlichen Helfer, die ihre berufliche Qualifikation einbringen, sind ein unglaublicher Schatz, ihre Mitarbeit wäre niemals zu bezahlen.

BZ: Am 6. April werden Sie Ihr Amt als Vorsitzende abgeben. Ist schon ein Nachfolger/Nachfolgerin im Blick?

Troschke: Seit zwei Jahren arbeiten wir an diesem Thema und sie können sich denken, niemand reißt sich darum. Es ist ein Amt, das viel von einem verlangt. Wir haben nun eine Gruppe von fünf Leuten gefunden, die schon lange im Archiv mitarbeiten, sich hier gut auskennen und von denen ich sicher bin, dass sie es wunderbar packen werden.

BZ: Was werden Sie ihm/ihr als Wunsch mit auf den Weg geben?

Troschke: Dass es sich so weiterentwickelt wie in der Vergangenheit und sich immer genügend Menschen finden, die dafür Zeit und Kraft einbringen. Wir haben hier ein tolles Arbeitsklima und großen Zuspruch. Und, dass das Geld nicht immer ein so zentrales Thema sein muss, um das Überleben des Archivs zu sichern.

BZ: Ziehen Sie sich ganz aus der Arbeit zurück oder bleibt die Archivarbeit auch weiterhin ihr Hobby?

Troschke: Selbstverständlich werde ich die Kolleginnen und Kollegen weiter nach Kräften unterstützen, aber nur so weit, wie das gewünscht wird. Ich bin jemand, der nichts halb machen kann. Daher werde ich den anderen das Feld überlassen und mich erst einmal zurückziehen – sicher aber nicht aus dem Emmendinger Stadtgeschehen.

ZUR PERSON: Frauke von Troschke

Frauke von Troschke (72) ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und vierfache Großmutter. Die gebürtige Lübeckerin lebt seit 40 Jahren in Emmendingen und ist vielfältig engagiert. Unter anderem war sie lange Vorsitzende des Kinderschutzbundes und Stadträtin. Die Trägerin der Ehrennadel der Stadt gründete am 14. Januar 1998 das Deutsche Tagebucharchiv, das heute im Alten Rathaus rund 16 000 Tagebücher, Erinnerungen und Briefwechsel von mehr als 3400 Autoren präsentiert.  

Autor: wal

Autor: wal