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22. März 2010 16:35 Uhr

Klangfarben und Rhythmen des Lebens

"In Process" (Kassel) hat sich "minimal music" verschrieben und kam ins alte Rathauses. Die zwölf Musikerinnen und Musiker um den Gründer und Leiter Ulli Götte sind nicht nur versierte, sondern häufig auch virtuose Akteure – so konnte das Ensemble auf hohem Niveau agieren.

  1. Brillant: „In Process“ im Bürgersaal des alten Emmendinger Rathauses Foto: Frank Berno Timm

Was ist "minimal music"? Salopp formuliert möchte man im ersten Moment antworten, sie erinnere an Synthesizer-Klänge aus der Zeit, als die ersten elektronischen Instrumente dieser Art aufkamen. Das ist ein bisschen ungerecht, geht es doch um einen Zweig der so genannten Neuen Musik, die nicht nur ausgesprochen intelligent, sondern auch noch (meistens) gut hörbar ist.

Schade nur, dass sie vom ausgedruckten Programm abwichen. La Monte Youngs "Composition 1960 No. 7" sollte eigentlich als Zwischenspiel immer wieder neu auftauchen – so hätte sich ein interessanter Klangkosmos bilden können. Diese "Pionierarbeit" der "minimal music" ist sicher ein klassisches Beispiel für deren Prinzip – die Quinte "h-fis" wird mit allen Obertönen, die man sich vorstellen kann, ausgereizt: Leiser Beginn, zunehmende Fülle bis fast ins Schmerzhafte, dann Verhallen: Das Geräusch des Lebens wird in Musik gesetzt.

Zu den Geniestreichen des großen Komponisten Steve Reichs gehört "Music for Pieces of Wood". Fünf Musikerinnen und Musiker entfalteten (auswendig!) mit simplen Klangstäben einen unglaublichen, immer wieder neu ansetzenden Rhythmus-Teppich aus verschachtelten, schwierigsten Kaskaden – das Publikum reagierte begeistert.

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Das Werk von Philip Glass "Opening und Floe" zeigte dann sehr schön, wie die Konkurrenz von Harmonien, Klangfarben und Rhythmen "in Process" beschäftigt und fasziniert. Die drei Gruppen aus Streichern (Sören Gehrke und Bettina Weber -– Violinen, Regina Brunke – Violoncello), Bläsern (Isabelle Herold – Flöte, Judith Gerdes – Oboe, Thomas Boll – Klarinette und Bassklarinette), Schlagzeugern und Tasteninstrumenten (Jörg Müller-Fest – Vibraphon, Tilman Scheer und Peter Arens – Marimbaphon, Sabine Schmitz – Klavier, Michael Mantel – Keyboard) traten den ganzen Abend hindurch in "Wettbewerb" zueinander. Sehr witzig war auch John Cages "Living Room Music": Ein Gedicht von Gertrude Stein wird rhythmisiert, eigentlich ironisiert – bis ins Zischen der "Stubenfliegen" hinein.

Ulli Götte war mit zwei eigenen Werken vertreten. "Parsek" (eigentlich fürs Ballett konzipiert) zeigte, dass sich auch die "minimal music" mit einem Fugato in der Musikgeschichte zu bedienen weiß. "Frontiéres" (Grenzen) ist eigentlich eine Oper: "Grenzen", so hieß es im Programm, seien dort auf vielfältigste Weise umgesetzt – was aber allenfalls im aufklingenden "Marschmusik"-Rhythmus nachvollziehbar wurde.

Zuletzt dann Steve Reichs "Music for 18 Musicians" mit beklemmend eng geschichteten Klangteppichen, sich immer wieder abwandelnden Rhythmusfetzen. Vor 34 Jahren habe die europäische Erstaufführung in Berlin dieser Musik in Europa zum Durchbruch verholfen, berichtete das Programmheft. Am Ende dieser Darbietung kurzes Innehalten, dann jubelnder Beifall. "In Process" beantwortete sie mit einer "Klatsch-Flamenco-Zugabe" und einem weiteren Klang- und Rhythmusteppich. Nicht nur die sichtbare Musizierfreunde von "in Process" beeindruckte, auch das Publikum selbst war ein Ereignis für sich: Selten geht es so enthusiastisch, kundig und aufmerksam mit.

Autor: Frank Berno Timm