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15. November 2016

"Nur was fremd ist, macht Angst und sorgt für Hass"

Landesrabbiner Moshe Flomenmann sprach auf Einladung des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur über jüdisches Leben.

  1. „Wir haben nichts zu verbergen“, betont der Badische Landesrabbiner Moshe Flomenman beim Vortrag in Emmendingen Foto: Markus Zimmermann

EMMENDINGEN. "Ohne die Einwanderung der jüdischen Menschen aus den GUS-Staaten würde es jüdische Gemeinden und damit jüdisches Leben in Baden in dieser Zahl nicht geben", betont Moshe Flomenmann am Sonntag im Teschemacher-Saal. Auf Einladung des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur ist der aus der Ukraine stammende Badische Landesrabbiner gekommen, um vom jüdischen Leben heute in Baden zu berichten. Vor allem aber auch, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Dialog, das macht der 34-Jährige deutlich, sei für das jüdische Leben in Baden ganz wichtig. "Wir haben nichts zu verbergen", betont er und gibt der Offenheit große Bedeutung. "Wenn wir zeigen, was wir machen, wie wir Leben, beugen wir dem Antisemitismus vor, denn nur was fremd ist macht Angst und führt letztlich zu Hass", so Flomenmann. Jüdisches Leben finde in der Synagoge statt und so freut er sich, dass in absehbarer Zeit alle zehn Gemeinden in Baden eine Synagoge haben werden. "Die ist Haus der Begegnung jedoch nicht der Ort, auf den sich jüdische Leben konzentriert", beugt er Missverständnissen vor und einer Überbewertung des Gebäudes. "Viel wichtiger als die Schönheit eines Hauses ist die Schönheit der Atmosphäre, die dort herrscht und für die sind die Menschen verantwortlich", so Flomenmann. Die habe etwas mit gegenseitigem Respekt zu tun und mit lebendigem Gemeindeleben.

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Gemeinsames Beten, gemeinsames Feiern, "viele schöne Momente gehören zum heutigen jüdischen Leben", betont er. So wie es auch vor der Shoah gewesen sei. Im Blick auf diese jüdisches Leben auf Pogromnacht und Ausschwitz zu reduzieren sei nicht richtig. Vielmehr sei es wichtig, auf das heute und das morgen zu schauen. So darauf, dass Menschen, die säkular aufgewachsen sind und gelebt haben, jüdische Praxis kennenlernen. Seine wichtigste Aufgabe sieht Flomenmann in Jugendarbeit und Erziehung und er hat die Vision, "jüdische Familien so in Gemeinden zu integrieren, dass sie auch zu Hause jüdisch leben, ihre Kinder jüdisch erziehen". Modern und orthodox zu sein, sei dabei kein Widerspruch. Es sei wichtig, nicht nur kaschrut (jüdische Speisegesetze) zu predigen, sondern auch danach einzukaufen und zu kochen. "Die unmittelbare Nähe zu Frankreich und der Schweiz hilft uns badischen Juden dabei, vieles können wir aber auch bei Lidl und Aldi kaufen", verdeutlicht er und betont: "Judentum ist nicht fanatisch".

"Es ist gefährlich, mit der Kippa auf der Straße zu gehen", erklärt er auf Nachfrage, weshalb diese Kopfbedeckung "so selten im Alltag zu sehen ist". Zudem gebe es nur die Verpflichtung, den Kopf zu bedecken, nicht eine Kippa zu tragen. Flomenmann betont, dass das Leben für Juden in Deutschland "viel sicherer als in Frankreich und in anderen Ländern ist, aber eben nicht 100 prozentig sicher".

"Wir wissen, was es heißt, Flüchtling zu sein", erinnert Flomenmann an Juden, die in Amerika zurückgewiesen und danach in Deutschland ermordet wurden. Deshalb werde die jüdische Gemeinde immer Flüchtlingen helfen. Wichtig sei dabei, den Menschen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein, aber auch, dass diese willig sind, sich zu integrieren und Europas Werte akzeptieren. "Es geht nicht um assimilieren", betont er mehrfach. "Jüdische Gemeinden sind nicht die Botschaft Israels", äußert er sich noch anderweitig politisch. Allen gemeinsam sei das Ziel, dass Frieden herrscht, dort wo wir leben.

Info: Heute feiert die jüdische Gemeinde mit geladenen Gästen das 300-jährige Bestehen im Rahmen eines kleinen Festakts.

Autor: Markus Zimmermann