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24. September 2013

Sind weiße Streifen auf weißem Untergrund 200 000 Francs wert ?

Bei der 14. Auflage der Emmendinger Lesenacht setzen sich die Vorleser mit Kunst und Literatur auseinander – und überzeugen als Schauspieler.

  1. Matthias Mohler spielte gekonnt den Verteidiger der zeitgenössischen Kunst. inks seine Schulkameraden und Mitvorleser Jan König und Helena Kramer Foto: Friederike Marx-Kohlstädt

EMMENDINGEN. Die 14. Emmendinger Lesenacht, die rund 80 Besucher anzog, setzte im Vergleich zu den Vorjahren neue Akzente. Dies lag einerseits am Thema "Seiten wenden – Kunst im Buch", andererseits auch an neuen Gesichtern unter den Vorlesern – und an szenischer Darstellung. Bei der "Lesenacht für Kids" in der Buchhandlung Sillmann fiel auf, dass mehr als die Hälfte der 45 Zuhörer Erwachsene waren.

Erwartungsvoll sitzt Ann-Kristin Meyer aus Bonn in der ersten Reihe. Sie gehört zu den sieben Gästen der Lesenacht, die im Gegensatz zum treuen Stammpublikum das erste Mal den Vorlesern an vier verschiedenen Orten zuhören werden. Die drei Jüngsten unter den Vortragenden machen es sich keine zwei Meter von Meyer entfernt auf einem Biedermeiersofa bequem, dass in seiner Spießigkeit so gar nicht zu dem Buch passen will, aus dem sie vortragen: Die Schüler Helena Kramer, Matthias Mohler und Jan König haben sich Yasmine Rezas Theaterstück "Kunst" ausgesucht.

Am Anfang fiel es ihnen schwer, sich mit dem Stück zu identifizieren, doch davon ist nichts mehr zu merken. Als "sinnfällig und magnetisch" preist Mohler alias Sèrge gegenüber seinem Freund Yvan (Helena Kramer) ein Bild an, das er sich für 200 000 Francs gekauft hat. Weiße Streifen auf weißem Untergrund – das soll wertvolle Kunst sein?

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An dieser Frage entzündet sich ein Streit, der kein Ende nehmen will und die Freundschaft der Protagonisten erschüttert. Jan König als Marc greift schließlich zum Filzstift und kritzelt über die kostbare weiße Leinwand, die als Requisite dient. Ann-Kristin Meyer schmunzelt und klatscht schließlich ebenso begeistert wie die anderen Zuhörer. Besonders Mohler hat sie beeindruckt. Sie ist überrascht zu erfahren, dass der noch zur Schule geht.

"Der lebendige Vortrag mit viel Gestik und Mimik hat mich überzeugt", urteilt die Französischlehrerin und fügt hinzu: "Ich würde das Buch sehr gerne auf Französisch lesen. Noch lieber jedoch möchte ich mir das Stück im Theater ansehen." Dass das Buch Meyer gefällt, ist umso überraschender, weil sie eigentlich eine völlig andere Lektüre bevorzugt. Ohne Krimi gehe die Anni nie ins Bett, verrät sie. "Andere Bücher sind mir oft zu langweilig", sagt die 34-Jährige.

Da ist es nicht verwunderlich, dass sie sich beim nächsten Leseblock für die Mikwe als Leseort entscheidet, in der Rainer Glaser aus dem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Künstler- und Gesellschaftsroman "Karte und Gebiet" von Michel Houellebecq liest. Denn darin geht es nicht nur um den Künstler und seine Werke – Fotografien von Michelin-Karten, mit denen er großen Anklang in der Szene findet – sondern die Geschichte entwickelt sich auch noch zum Krimi mit dem Autor selbst als Mordopfer.

Meyer gefällt die Art, wie Glaser liest, wie er mit Pausen und Lesetempo spielt, hier und da seinen Vortrag mit Gesten untermauert. Doch das Interesse, den Roman zu lesen, hält sich bei der Bonnerin in Grenzen. "Zu moderner Kunst finde ich schwer Zugang", sagt sie. Die Werke in der Londoner Tate Gallery hätten sie nicht vom Hocker reißen können, in Paris sei sie von der Kunst im Centre Pompidou schon eher beeindruckt gewesen.

Zum Schluss lauscht sie im ausgekühlten Lenzhäuschen der Vorleserin Jana Bührer, die im bläulichen Schein der Lampen mit ernster Miene Auszüge aus der Autobiografie der Rockmusikerin Patti Smith "Just Kids" zum Besten gibt. Meyer gefällt der Vortrag, jedoch vermisst sie Hintergrundinformationen zur Autobiografin. Die gibt Jana Bührer im Anschluss dann doch noch, bezeichnet Smith als Dichterin, die auf der Bühne derb und im Buch leise daher komme. Mit Zwiebelkuchen und einem Glas Rotwein beschließt Ann-Kristin Meyer im Schlosskeller zufrieden den Abend, während Organisatorin Almut Langbein vom Schlosskellerverein Blumensträuße verteilt und sich über den Erfolg der Lesenacht freut. Andrea Emmenecker zieht am nächsten Tag das Fazit der Lesenacht für Kids: "Wir hatten noch nie so viel Besuch wie dieses Jahr." Nicht zuletzt lag dies wohl an den "Fanclubs" um Jungautor Robin Meyer und Saxophonist Frank Goos mit seinen Schülern.

Autor: Friederike Marx-Kohlstädt