Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
26. Januar 2012
Unausgesprochenes greifbar machen
Die Schreibwerkstatt für Frauen mit und nach einer Krebserkrankung will verborgene Kraftquellen entdecken und nutzen.
EMMENDINGEN. "Kraftquellen entdecken und nutzen" nennt sich die Schreibwerkstatt für Frauen mit und nach Krebs. Am 2. Februar beginnt ein neuer Kurs, für den keine Vorkenntnisse erforderlich sind. Ziel ist hier nicht die Buchveröffentlichung, sondern die Verarbeitung von schlimmen Diagnosen und Nöten. Die Idee dazu hatte Privatdozent Martin Sillem, Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung des Emmendinger Kreiskrankenhauses. Zusammen mit Andrea Bastian und Ana Mack stellte er bei einem Informationsabend das Projekt vor.
"Es war einmal eine Zeit, da wünschte ich mir als Kind, Balletttänzerin zu sein….." so beginnt eine der vielen Schreibübungen, bei der Paare, oder auch Gruppen, ihren Assoziationen barrierefreien Lauf lassen. Durch das Aufschreiben von Gedanken und Gefühlen versuchen die Frauen, das Unausgesprochene greifbar zu machen und im geschriebenen Wort zum Ausdruck zu bringen. Die Diagnose Krebs wirbelt das Leben durcheinander. Die Gedanken kreisen und finden keinen Ausweg. Wer Märchen, die eigene Geschichte oder Lyrik schreibt, findet oft Trost, indem er eigene Gedanken ordnet und Gefühle schreibend zu Papier bringt.Werbung
zu schreiben, wenn man
erstmal den Anfang hat."
Andrea Bastian
Damit Laien nicht auf sich allein gestellt sind vor dem flimmernden Computer, der klappernden Schreibmaschine oder dem Stift in der Hand, treffen sich Patienten im Nebengebäude des Emmendinger Krankenhauses und versuchen, gemeinsam ihre Ängste und Sorgen zu bewältigen. Wenn eine der Teilnehmerinnen manchmal bei einer Handlung nicht mehr weiterwisse, hilft es, mit den anderen über eigene Schreiberfahrungen zu sprechen, statt isoliert vor sich hin zu brüten, weiß die Pädagogin. Wenn der Ideenfluss stockt – denn nicht alle küsst die Muse unentwegt – hilft Andrea Bastian mit bodenständigem Rat. Die Diplom Pädagogin mit Schwerpunkt auf Erwachsenenbildung, Psychologie, Soziologie und Philosophie hat sich intensiv mit der Thematik des kreativen Schreibens beschäftigt und damit ihr Hobby zum Beruf gemacht.
"Es ist kinderleicht, zu schreiben, wenn man erst einmal einen Anfang gemacht hat", hat Andrea Bastian festgestellt. Die Schreibwerkstatt bietet den Frauen einen geschützten Raum und es gilt das Gebot der Freiwilligkeit. Auch gibt es kein richtig oder falsch. Die Grammatik und Rechtschreibung steht nicht im Vordergrund, sondern das spontane Schreiben als Bewältigungsstrategie. Manchmal entsteht so ein Buch, das auch anderen Menschen viel geben kann. Ana Mack aus Emmendingen schrieb sich den Kummer über ihre Krebsdiagnose ehrlich von der Seele. "Beim Schreiben sind mir oft die Tränen gekullert". "Der Feind in meinem Ohr" erschien im Novum pro Verlag (BZ berichtete am 22. Januar). Es sind vor allem Frauen, die den Schritt aus den eigenen vier Wänden in die gemeinsame Runde wagen.
Männliche Autoren haben bisher kaum Interesse gezeigt. Andrea Bastian hat sich über dieses Phänomen Gedanken gemacht, aber bisher noch keine eindeutige Antwort gefunden: Vielleicht würden Männer davon ausgehen, dass sie den Austausch mit anderen nicht brauchen, oder nicht zugeben, dass sie überhaupt Gedichte und Geschichten schreiben, vermutet sie. Sie sind aber herzlich willkommen und bekämen auch einen eigenen Kurs.
Autor: Dagmar Barber
