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11. September 2010

Unbewältigte Lebensthemen in Bilder umgesetzt

Die Ausstellung "Augenblick Mal!" im Foyer des Pflegeheims der Caritas zeigt 100 Werke von demenzerkrankten Bewohnern.

  1. Kunst von Bewohnern zeigen Heimleiter Uwe Zimmer und Kunsttherapeutin Nadja Stolp im Foyer des Pflegeheims der Caritas. Foto: Gerhard Walser

EMMENDINGEN. Sie erschließen sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick, die kleinen bunten Kunstwerke, die im Foyer des Seniorenzentrums Bürkle-Bleiche ausgestellt sind. Denn die ausstellenden "Lebenskünstler" sind hochbetagt und überwiegend demenzerkrankt. Und doch zeigt die Ausstellung mit Werkstattcharakter überraschende Ergebnisse der über fünfjährigen kunsttherapeutischen Arbeit des Pflegeheimes der Caritas.

Einmal pro Woche greift etwa ein Drittel der 28 Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnbereichs 1 zu Farbe und Pinsel, setzen Lebensthemen in Bilder um. "Regelmäßige Kunsttherapie gehört von Anfang an zum Profil unseres Hauses", berichtet Heimleiter Uwe Zimmer. Im Pflegealltag sei dies eine wertvolle "Oase der Selbstfindung". Zimmer: "Es geht darum verloren gegangene Fragmente des Lebens zu suchen und wieder zusammen zu fügen". Dadurch werde die Lebensqualität der meist verwirrten alten Menschen deutlich verbessert. Nicht bewältigte Fragestellungen, Erinnerungen und Sorgen können so oft befriedigend abgeschlossen werden.

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Das ausgestellte letzte Bild einer Sterbenden zeigt etwa Sand, Muscheln und Strandburg – Erinnerungen an einen schönen Sommerurlaub an der Ostsee in Kindertagen. Eine 99-jährige Bewohnerin malt immer wieder Pfingstrosenbilder. "In ihrer Jugend standen stets Pfingstrosensträuße auf dem Flügel, auf dem ihre Mutter spielte", erläutert Nadja Stolp. Die Kunsttherapeutin ist immer wieder überrascht und begeistert, wie deutlich Lebensspuren und Erlebtes in die Bilder einfließen – schöne und schlimme Momente, Bruchstücke des Lebens in allen seinen Facetten. Dabei werden nicht nur verloren geglaubte Fähigkeiten wieder entdeckt. "Viele gewinnen auch enorm an Zufriedenheit, Ruhe und Gelassenheit", weiß Stolp. So mancher früher etwas ruppige Bewohner öffnet sich seinem Gegenüber plötzlich über die Kunst.

Das Angebot an die Heimbewohner läuft bewusst nicht unter dem klassischen Stichwort "Therapie". "Das würde manche abschrecken", so Nadja Stolp, die den Begriff schöpferisches Gestalten vorzieht: "Das kann Malen, Basteln, oder auch nur Fühlen und Tasten sein". Techniken und Stilformen sind bunt gemischt. Meist wird mit Wasserfarben gearbeitet.

Den fortlaufenden Prozess des Aufbauens und Zusammenfügens soll auch der Charakter der Ausstellung dokumentieren. Das Foyer als Baustelle lädt den Besucher zum Entdecken ein. "Augenblick mal!" ist die Schau der an die 100 Bilder denn auch überschrieben. Rot-weißes Flatterband, Bauzäune und Gerüstteile, an die die oft ungerahmten Arbeiten geheftet sind, und eine Schubkarre unterstreichen dies zusätzlich.

Die bereits im Juli eröffnete Ausstellung soll nun noch den Herbst über zu sehen sein. Mit einer Finissage am Samstag, 16. Oktober, 15 Uhr, wird sie beendet. Geplant ist eine Vortragsführung mit Erläuterungen zur Entstehung der Bilder als "Moment der Farbe".

Infos im Internet unter http://www.team-kunstwerk.de

Autor: Gerhard Walser