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10. Februar 2012

Wer die Nacht zum Tag machte, geriet ins Visier der Sittenpolizei

GESCHICHTSWERKSTATT EMMENDINGEN (6): Kein elektrisches Licht, kein Radio oder Fernsehen: Der abendliche Rausch gehörte für viele Menschen zum Alltag.

  1. Beschwingte Herrengesellschaft vor dem Gasthaus zum Ochsen am 24. September 1931, nachts um 2.30 Uhr. Foto: Stadtarchiv

EMMENDINGEN. Bisher ging es in der "Geschichtswerkstatt Emmendingen" um "große" Themen. Revolution, Fortschritt oder selbst Fasnacht sind Teil einer Geschichtskultur, wie sie in vielen Büchern zu finden sind. Jetzt geht es um Alltagsgeschichte, die noch nicht allzu lange im Visier der Historiker ist. Kreisarchivar Gerhard A. Auer hat sich mit einer Art von Alltagsgeschichte in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts beschäftigt, die manche als "Unkultur" bezeichnen würden.

Entsprechend befindet sich die Hauptquelle für diese Alltagsgeschichte von Emmendingen unter der Rubrik "Sicherheitspolizei, die Handhabung der Sittenpolizei" im Stadtarchiv. In den alten Akten sind die Ordnungswidrigkeiten aufgeführt, die von den Schutzpolizisten vor und nach dem Ersten Weltkrieg aufgenommen haben. Angezeigt wurden Menschen, die die Nacht zum Tag gemacht haben, die besoffen auffielen, die randalierten, die anderen die Nase blutig schlugen, Obst klauten oder einfach den Teppich ausschüttelten, während die Hausfrau im Stock darunter gerade ihre Bettwäsche zum Fenster herausgehängt hatte.

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Gerade zu den "Nachtschwärmern" und betrunkenen Menschen in Gaststätten oder auf der Straße erklärt Auer: "Es geht um eine Zeit, als es in den meisten Wohnungen kein elektrisches Licht, kein Radio, kein Fernseher, keine Zentralheizung und es keine empfängnisverhütenden Mittel gab oder diese für den Normalverdiener unerschwinglich waren". Zuhause war es eng, kalt, dunkel und langweilig, also ging man in die Gaststätte, wo es warm war und die Zeitung zu lesen gab, wo es Alkohol und Gesellschaft gab.

Der Ramie-Direktor wurde auf dem Bautzenklo aufgestöbert

Auer macht unter jenen, die bis weit nach Mitternacht in den Gaststätten herumhingen, während des ersten Weltkriegs durchaus auch Angehörige der Oberschicht aus, die zuhause es sicher nicht gefroren hat. Auer führt einen Fall an, als im Jahr 1904 ein Schutzmann gegen zwei Uhr, also lange nach der Sperrstunde, vier Herren im Wirtshaus "Bautz", heute "Shamrock" in der Bahnhofstraße, aufstöberte. Die Herren flüchteten oder versteckten sich auf dem Gasthausklo. Letztlich mussten sie aber herauskommen. Einer von ihnen war Willi Baumgartner, zweiter Direktor der Ramie. Dieser drohte, sich wegen der Unverschämtheit des Schutzmanns an den Bürgermeister zu wenden. Er sei ja nur auf dem Lokus gewesen. Doch der Bürgermeister erließ die Strafe nicht, jeder der vier Herren musste drei Mark bezahlen.

Ramie ist ein Stichwort für diese Seite der Alltagskultur während der 20er Jahre. Die aufstrebende Industrie in Emmendingen zog die Menschen aus dem bäuerlichen Umland an, und weil diese nicht ausreichten, holte man Arbeitskräfte aus Italien oder Bayern. Die entwurzelten und oft armen Zuzügler sahen sich nun einer kleinstädtischen Kultur ausgesetzt, die ihnen fremd war und durch Polizei und Strafbefehle erzwungen wurde. Hier kostete es Strafgeld, an eine Hauswand zu pissen, die Peitsche knallen zu lassen oder das Schlachtvieh zu quälen.

Gerade was Trunkenheit und Gewalt angeht, herrschte damals eine andere Mentalität als heute. Die Akten erzählen von einer betrunkenen und torkelnden Frau, die stürzte und sich wieder aufrappelte, bis sie endlich zuhause ankam. Der Schutzmann folgte der Frau, registrierte und dokumentierte ihren schweren Gang. Auf die Idee, der Frau zu helfen, scheint er nicht gekommen zu sein.

Allerdings gehörte für viele Menschen der abendliche Rausch zum Alltag. Auch körperliche Gewalt hatte ein anderes Image. Die Brutalität mit der damals zugeschlagen wurde, weil der Stammtischnachbar einen angeblich frech angeschaut hat, wäre heute sicher ein Strafdelikt und der Schläger fände sich vor dem Richter wieder.

Gerichtsakten gäbe es zu diesen Delikten nicht, weil diese mit Bußgeld geahndet wurden, so Auer. Welche körperliche Gewalt auch gegenüber Kindern als angemessen erachtet wurde, macht die Anzeige einer Frau aus dem Jahr 1930 deutlich. Ihr elfjähriger Sohn hatte versucht, an einem Auto den Richtungsanzeiger, heute der Blinker, herauszuziehen. Der Chauffeur des Autobesitzers erwischte den Kleinen, fasste ihn am Hals und würgte ihn. Die Mutter meinte, wenn der Chauffeur ihren Jungen übers Knie gelegt und ihm den Hintern versohlt hätte, hätte sie nichts gesagt. Aber ihn am Hals nehmen, sei unerhört.

Info: Geschichte der Stadt Emmendingen. Band 2. Vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1945. Herausgegeben von Hans-Jörg Jenne und Gerhard A. Auer.

Autor: Michael Haberer