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05. Februar 2010
Wie ein Feuerwehrmann, der mit dem Gartenschlauch Brände löscht
Schulsozialarbeit an den Markgrafenschulen auf einer 50-Prozent-Stelle: Ein Beispiel, wie der kommunale Sparzwang schon jetzt bei den Bürgern ankommt.
EMMENDINGEN. "Es geht nicht mehr ohne Schulsozialarbeit", sagt Rektor Diether Neumann. Zehn Jahre nach Einführung des Angebots an den Markgrafenschulen hat sich der Bedarf an individueller Zuwendung dramatisch erhöht, die Schulsozialarbeiterin arbeitet indessen immer noch auf einer 50-Prozent-Stelle. Der Gemeinderat hat im Dezember eine von der SPD beantragte Aufstockung auf 75 Prozent mehrheitlich abgelehnt: Ein Beispiel für die ersten Auswirkungen des kommunalen Sparzwangs.
Diether Neumann kommt das Bild vom Feuerwehrmann in den Sinn, der mit einem Gartenschlauch mehrere Brände gleichzeitig zu löschen versucht. Petra Zai-Englert ist seine Feuerwehrfrau. Immer wieder klingelt während des BZ-Gesprächs das Telefon oder das Handy parallel, suchen Schüler, Eltern oder Lehrer Rat bei der erfahrenen Sozialpädagogin. Es geht oft um auf den ersten Blick banale Dinge des Alltags, die die Heranwachsenden nicht mehr hinbekommen, weil die Eltern überfordert sind, sich keine Zeit nehmen oder vor den Problemen kapitulieren. Regelmäßig zu spät kommen, den Unterricht stören, Mitschüler mobben, ja bis zur kompletten Schulverweigerung reicht das Spektrum. "Die Sozialisation in der Familie ist nicht mehr so wie sie war", weiß Petra Zai-Englert.
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Diether Neumann pflichtet ihr bei. Rund 20 Prozent der Schüler seien verhaltensauffällig, zehn Prozent, so schätzt der Schulleiter, hätten sogar psychische Probleme. "Und die Eltern", so seine Beobachtung der letzten drei bis vier Jahren, "ziehen nicht mehr mit, wenn es um die Suche nach Lösungen geht". Darunter leidet mehr und mehr der Unterricht: "Wir brauchen 90 Prozent unserer Zeit für zehn Prozent der Schüler", schätzt Neumann. Die Schulsozialarbeit ist für ihn unverzichtbar. "Der Bedarf an unseren Schulen hat sich enorm verstärkt". Dass der Versuch gescheitert ist, das Beratungs- und Betreuungsangebot auszuweiten, bedauert Neumann, wenngleich er für die Lage der Stadt Verständnis zeigt, die sich mit dem Diakonischen Werk und dem Verein "Gesprächsraum Schule" zu je einem Drittel finanziell engagiert: "Das Land wäre eigentlich gefordert, die Gemeinden werden im Stich gelassen".
Dass seine Schulsozialarbeiterin "hundert Prozent arbeitet und nur fünfzig Prozent bezahlt wird" ärgert Neumann: "Es ist schlicht und einfach ungerecht, denn sie leistet Enormes." Doch alle Appelle, Briefe und Unterschriftensammlungen des Kollegiums haben nichts gefruchtet. Nun droht Petra Zai-Englert die persönlichen Konsequenzen zu ziehen. Zwei verlockende Angebote für Ganztagesstellen von Freiburger Schulen liegen ihr vor, bis Ende März möchte sie sich entscheiden. Der Schule, die die engagierte und erfahrene Schulsozialarbeiterin unbedingt halten möchte, bleibt wenig Zeit. Derzeit wird über eine Solidaritätsaktion nach Teninger Muster nachgedacht: Ein Sponsorenlauf oder ein "Sozialer Tag" könnte die Finanzlücke füllen helfen, hofft Rektor Neumann.
Petra Zai-Englert macht die Arbeit nach fast elf Jahren immer noch Spaß. Auch wenn die Zeit – 3,9 Stunden pro Tag – hinten und vorne nicht reicht. "Vertrauen aufzubauen braucht eben Zeit", so Zai-Englert, die selten auf die Uhr schaut, wenn spätabends zuhause mal wieder das Telefon klingelt oder ein Beratungsgespräch mit Eltern ansteht. "Meine Arbeit liefert mir genügend Dynamik und auch Erfolgserlebnisse", sagt sie und lacht. Viele Schüler verdanken den Impulsen und Beratungsgesprächen trotz aller persönlicher Probleme eine doch noch erfolgreiche Schulkarriere. Viele Projekte hat sie angestoßen, die das Leben an der Schule mit über 700 Schülern positiv verändert haben: Das gut besuchte Schulcafé, beliebte Arbeitsgemeinschaften an den Nachmittagen wie Tanzen, Werken oder Boxen, bei denen vor allem Jungs unter therapeutischer Anleitung ihr Mütchen kühlen können, oder die "Sommerschule", bei der sie Kinder aufblühen sah, die eigentlich nur zum Nachholen von Schulstoff in den Ferien gekommen waren und dann nur ungern nach Hause gingen. Die "Mutter der Schulsozialarbeit" ist eigentlich unbezahlbar.
Autor: Gerhard Walser
