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01. Juni 2013

BZ-Interview

Windenreuter radelte ein Jahr lang nach Togo – für einen Coffee to go

BZ-INTERVIEW: Der Windenreuter Markus Weber nahm sich ein Jahr lang frei und radelte nach Togo – für einen Coffee to go.

  1. Markus Weber im Atlas-Gebirge Foto: Privat

  2. Zurück von der Togo-Tour: Markus Weber Foto: Patrik Müller

EMMENDINGEN. Der Windenreuter Markus Weber hat seinen Unternehmensberaterjob für ein Jahr aufgegeben und ist mit dem Rad nach Togo gefahren – um dort einen Kaffee zu trinken. Jetzt ist er wieder zurück. Patrik Müller sprach mit ihm.

BZ: Und? Wie schmeckt Kaffee in Togo ?
Weber: So wie jeder andere Kaffee in Westafrika: Süß. Und es ist Instantkaffee.

BZ: Das heißt, die Reise hat sich nicht gelohnt, kaffeetechnisch gesehen.
Weber: Aus Kaffeesicht nicht, nein. Aber zumindest hat endlich jemand die Frage beantwortet, wie Kaffee in Togo schmeckt.

BZ: Mal ehrlich: War das Jahr so anders? Unternehmensberater sind ja eigentlich auch nur unterwegs.
Weber: Ich habe das Fünfsternehotel gegen ein Zelt getauscht, Anzug und Krawatte gegen ein T-Shirt. Das ist schon ein Unterschied. Es gibt aber viele Parallelen. Die Rast- und Ruhelosigkeit zum Beispiel.
Und man ist immer von vielen Menschen umgeben, muss moderieren und sprechen – egal, ob man in einem Meeting sitzt oder in ein Dorf radelt und auf einmal von 50 Kindern umringt wird.

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BZ: Immerhin mussten Sie sich weniger mit Zahlen beschäftigen.
Weber: Definitiv. Aber zehn Stunden im Sattel eines Fahrrads können genauso eintönig sein wie zehn Stunden vor einer Excel-Tabelle oder einer Powerpoint-Präsentation.

"Es schadet nicht,

wenn man verwegener

aussieht, als man ist."

BZ: Am 1. Juli kehren Sie in Ihren Job zurück. Der Bart kommt dann ab, oder?
Weber: Der muss früher weg. Ich bin gerade zu Hause. Mal schauen, wie lange meine Mutter das noch aushält mit mir und dem Bart.

BZ: Warum tragen Sie den eigentlich? Beim Friseur waren Sie doch auch.
Weber: Naja – wenn man ein Jahr unterwegs ist, hat man immerhin mal die Chance, sich einen Bart wachsen zu lassen. Außerdem hatte der echte Vorteile: Als Weißer fällt man auf so einer Reise immer auf. Es schadet überhaupt nichts, wenn man verwegener aussieht, als man ist.

BZ: Wie gefährlich war die Reise?
Weber: Das Schlimmste war nicht die Angst, entführt zu werden, von einer Schlange gebissen oder vom Löwen gefressen zu werden – die größte Gefahr war der Verkehr. In Ghana wäre ich fast überfahren worden. Ein Fahrzeug ist direkt vor mir verunglückt und hat mich geschnitten. Wenn ich zwei Sekunden schneller gewesen wäre, säße ich jetzt nicht hier.

BZ: War das der einzige gefährliche Moment?
Weber: Nein. Die Hunde in Rumänien waren schlimmer als meine Malaria-Infektion im Senegal. Die Tiere rennen allem hinterher, was sich bewegt.

BZ: Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie sich gedacht haben: Ich will nur noch nach Hause zurück?
Weber: Solche Momente gibt es immer. Wenn man an der Grenze zwischen Liberia und der Elfenbeinküste steht und man die Beamten nicht überzeugen kann, dass man rüberdarf – das sind Augenblicke, in denen man sich überlegt, dass es vielleicht einen Grund gibt, dass diese Grenze dicht ist. Andererseits hatte ich sieben Tage nicht geduscht und keine Lust, zurückzufahren. Über Umwege bin ich dann ins Land gekommen.

"Die Hunde in Rumänien

waren schlimmer als meine

Malaria-Infektion."

BZ: Was waren die schönen Momente?
Weber: Das klingt jetzt abgedroschen: Die Menschen, die Landschaften, die Freiheit. Mit einem Griechen die ganze Nacht Raki zu trinken kann ein wunderschönes Erlebnis sein, genauso wie Teetrinken mit einem Dorfchef in Ghana.

BZ: Sie waren Zivi am Emmendinger ZfP, in der Elfenbeinküste haben sie auch eine Psychiatrie besucht. Warum?
Weber: Das war interessant. In ganz Westafrika glauben die Menschen fest an Naturreligionen, an Dämonen und Geister. Wer psychisch krank ist, gilt als Besessen und wird ausgestoßen. In Bouaké habe ich eine Einrichtung der St. Camille- Stiftung für psychisch Kranke besucht. Die Menschen dort werden wirklich toll behandelt und können nach ihrer Krankheit meist zurück in ihre Dörfer oder finden eine Anstellung im Krankenhaus.

BZ: Hat die Reise Sie verändert?
Weber: Vermutlich schon, aber mir ist nichts aufgefallen. Ich bin nicht zurückgekommen und habe gesagt: Ich habe keine Lust, das Champions-League-Finale zu gucken, Fußball interessiert mich nicht mehr. Ich wurde auch nicht spirituell und sage: Wir müssen aufhören, die Umwelt zu verschmutzen und Auto zu fahren.

BZ: Wird es schwer für Sie, wieder in ein klimatisiertes Büro zurückzukehren?
Weber: Wahrscheinlich ja, aber das ist eine Frage, die sich später von selbst beantwortet. Ich kann nur sagen: Es ist mir viel zu leicht gefallen, mich hier wieder einzuleben.

Markus Weber (32) stammt aus Windenreute und arbeitet als Unternehmensberater in Düsseldorf.


Reise-Blog im Internet: http://4coffee2togo.com



Für einen Kaffee nach Togo?

In Bahnhöfen und Flughäfen sah Markus Weber immer wieder ein Schild: Coffee to go. Der Unternehmensberater hatte schon lange von einer Auszeit geträumt – und entschied sich, ein Jahr lang ins westafrikanische Togo zu radeln. Alleine. Wegpunkte: Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Moldau, Ukraine, Türkei, Griechenland, Italien, Vatikanstadt, Spanien, Marokko, Westsahara, Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea-Buissau, Guinea-Conakry, Sierra Leone, Liberia, Elfenbeinküste, Ghana – und Togo.  

Autor: pam

Autor: pam