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14. November 2008

Als Werbung laufen lernte

Eine Sammlung historischer Genossenschaftsplakate ist in den Räumen der Volksbank zu sehen

  1. Dirk Schindelbeck (l.) und Martin Kopp vor einem der ausgestellten alten Plakate. Foto: Schweizer

ENDINGEN. Eine interessante Ausstellung ist derzeit in den Räumen der Kaiserstühler Volksbank zu besichtigen. Unter dem Motto: "Dein starker Arm: Genossenschaft" sind seltene, historische Genossenschaftsplakate zu sehen.

Sie stammen aus der Frühzeit der Genossenschaftswerbung nach dem Zweiten Weltkrieg und verströmen den Zeitgeist der Wiederaufbaujahre zwischen Kaltem Krieg und Wirtschaftswunder. Heute stellt die Sammlung eine Rarität dar, die von einer anderen Zeit und Lebenswelt vieles zu erzählen weiß, und dies in oft überraschender, ja skurriler Weise. Der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard bezeichnete die Kampagne in werbefachlicher Hinsicht als mustergültig.

Zur Eröffnung begrüßte Regionaldirektor Martin Kopp zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens, darunter Bürgermeister Hans-Joachim Schwarz, Gemeinderäte auch die Landtagsabgeordneten Marcel Schwehr und Dieter Ehret.

Der Referent des Abends, Dirk Schindelbeck, Historiker und Wirtschaftspublizist bezeichnete die Plakatreihe als die erste große, koordinierte und strategisch aufeinander abgestimmte Werbemassnahme des Raiffeisenverbandes. Zur Einstimmung wurde ein kurzer alter Genossenschaftswerbefilm gezeigt, ehe der Historiker auf die damalige Zeit und die entstandenen Plakate einging. Der Rahmen aus zeittypischen Ängsten und Hoffnungen beeinflusste Themen wie Bildsprache gleichermaßen, so Schindelbeck. So brach immer wieder der Stil der politischen Propaganda jener Tage durch.

Werbung


Großen Raum nahm die Werbung für den Spargedanken ein. Wurde das Sparbuch gezeigt, war häufig die Hausfrau mit im Bild: Schließlich war sie es, die nach einer Allensbach-Erhebung von 1953 in 80 Prozent der Haushalte das Budget verwaltete. Aber auch Werbung um das nach der Währungsreform wiedergewonnene Vertrauen in die Geldwertstabilität fand sich im Plakat, das die Deutsche Mark wie eine aufgehende Sonne über dem Land zeigte. Das Bemühen, sich in die bäuerliche Mentalität einzufühlen und eine "der Klientel adäquat-schlichte Bildsprache zu finden", prägte die Plakate durchgängig, so Schindelbeck. Wo immer es um die Mitgliedergewinnung für die Genossenschaft ging, wurde der bäuerliche Adressat mit schlichtem Du angesprochen und in schlichtem Befehlston aufgefordert.

Dass man sich zuweilen an die kraftmeiernden Heldengestalten der Nazi-Zeit erinnert fühlt, kommt nicht von ungefähr: Sowohl Fritz Kükenthal, der als Werbegrafiker bei dem im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 ausgelobten Plakatwettbewerb einen Preis gewann, wie auch Max Josef Bletschacher, der bereits 1934 das Plakat zum Landesbauerntag lieferte, waren bei der Raiffeisen-Genossenschaft seit Jahrzehnten im Geschäft. Sie, an denen die NS-Zeit nicht spurlos vorübergegangen war, haben das Gros dieser Plakate geschaffen. Die Ausstellung geht noch bis zum 28. November und ist zu den normalen Geschäftszeiten geöffnet.

Autor: Jürgen Schweizer