Flucht aus Armut – damals wie heute

Christel Hülter-Hassler

Von Christel Hülter-Hassler

Fr, 08. Dezember 2017

Endingen

175 Jahre Tovar-Verträge: Freundeskreis der Colonia Tovar gedenkt der Auswanderer und der heutigen Lage in Venezuela.

ENDINGEN. Das Endinger Hotel "Pfauen" war der Ort, an dem der venezolanische Coronel Augustin Codazzi vor 175 Jahren Brief und Siegel unter die Siedlerverträge der rund 400 Tovar-Auswanderer gesetzt hat. An das Geschehen an diesem historischen Ort erinnert künftig eine Bildtafel mit Passagen aus den Verträgen, die am Mittwoch vom Freundeskreis der Colonia Tovar übergeben wurde.

Es ist wie eine Zeitreise: So wie die Menschen vom Freundeskreis der Colonia Tovar am Mittwochabend haben sich die Auswanderer im Jahr 1842, ebenfalls genau am 6. Dezember, vor ihrer Reise ins Ungewisse in der Martinskirche Endingen zu einem Gottesdienst getroffen. Um in der Fremde ein Stück Heimat zu haben, nahmen die Auswandererfamilien damals eine Martinsfigur aus der Kirche mit. Sie stehe bis heute in der Tovarer Kirche, die ebenfalls dem Heiligen Martin geweiht sei, berichtet Pastoralassistent Georg Mattes, der den geistlichen Impuls anlässlich des Gedenktages leitet.

"Im Wissen darum, dass den Menschen in Tovar anlässlich der politischen Situation in Venezuela wahrscheinlich nicht der Sinn nach einer Gedenkfeier steht, ist es für uns umso wichtiger, da zu sein, wo vor 175 Jahren die Menschen bangen Herzens in ihre Zukunft geblickt haben", betonte der Kuratoriumspräsident der Stiftung Colonia Tovar und Vorsitzende des Freundeskreises, Bernd Meyer, gegenüber der BZ.

In den letzten Jahren sind viele schlechte Nachrichten aus Tovar gekommen. Unter Präsident Hugo Chaves und seinem Nachfolger Nicolas Maduro rutschte das ölreichste Land der Welt immer tiefer in eine Staatskrise: Hohe Inflation, Nahrungsmittelknappheit, Medikamentennotstand und Unruhen mit vielen Todesopfern waren die Folge. Georg Mattes erinnerte an die beiden bewegenden Gottesdienste in der Martinskirche in diesem Jahr, in denen Lebensgeschichten von Menschen gehört wurden, die in Tovar geblieben sind und von Menschen, die an den Kaiserstuhl gekommen sind, um wieder in Frieden leben zu können.

Auf Einladung von Isolde Neymeyer trafen sich die Mitglieder des Freundeskreises der Colonia Tovar nach dem Kirchgang im Hotel "Pfauen" wo vor 175 die Siedlerverträge unterzeichnet worden sind. Im Dialog mit Bernd Meyer veranschaulichte Franz-Josef Vollherbst, unter welchen unvorstellbaren Bedingungen die Menschen ihre Heimat verlassen mussten: "Es war ein Abschied in eine völlig neue, andere, fremde Welt für immer", so der zweite Vorsitzende des Freundeskreises.

Im Rückblick auf das Geschehen zeigte Vollherbst auf: "Do hinne isch’s gschähne, in däne Räüm!" Dass der Freundeskreis dieses geschichtliche Faktum mit einer Gedenktafel würdigte, war eine große Freude für Pfauen-Wirtin Isolde Neymeyer. "Immer wieder fragen mich Gäste nach den Vorkommnissen. Es gibt sogar Gäste, die erst auf Endingen gestoßen sind, nachdem sie in Tovar Urlaub gemacht haben", erzählt die Gastgeberin. "Jetzt kann ich den Gästen und allen, die Näheres wissen wollen, endlich die Bewandtnis belegen", freute sich die Endinger Pfauen-Wirtin, nachdem sie die Tafel in Empfang genommen und prominent platziert hatte.

"Es ist wichtig, dass das Thema präsent bleibt", betonte der langjährige Bürgermeister und Endinger Ehrenbürger Helmut Eitenbenz in seinem Rückblick auf die Jahre, in denen die Beziehungen zu Tovar wieder belebt wurden – vor allem auf Initiative der Familie Vollherbst. "Die Erinnerungen sollten uns nachdenklich stimmen, wenn wir auf die Flüchtlinge schauen", so Eitenbenz. Auch Bürgermeister Hans-Joachim Schwarz unterstrich: "Wir dürfen nicht vergessen, dass es unsere Vorfahren gewesen sind, denen es so schlecht ging, dass sie keinen anderen Ausweg gesehen haben!"

Bernd Meyer richtete am Ende des Abends den Blick in die Zukunft. Es freue ihn, dass mit der Anwesenheit einer kleinen Schar junger Menschen aus Tovar gezeigt werde, wie wichtig es ist, die geknüpften Verbindungen so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. "Diesen mutigen jungen Leuten aus einem gebeutelten Land zu helfen und ihnen beizustehen, ist unsere Aufgabe."