Moderne Lyrik und einfühlsame Orgelimprovisationen

Christel Hülter-Hassler

Von Christel Hülter-Hassler

Fr, 08. Dezember 2017

Endingen

Peter Modler und Lukas Grimm präsentierten zum dritten Mal ihre "Poesie in der Adventsnacht".

ENDINGEN-AMOLTERN. "Weniges ein wenig anders machen" hat der Lyriker Ernst Jandl einmal seinen künstlerischen Anspruch beschrieben. Diese Sicht umreißt ziemlich gut das, was Peter Modler und Lukas Grimm mit der dritten Auflage von "Poesie in der Adventsnacht" am Sonntag in der Amolterer Kirche St. Vitus probiert haben.

Es ist ziemlich unwegsames Gelände, in das der Amolterer Autor Peter Modler und der Freiburger Organist Lukas Grimm die Kirchenbesucher an diesem Abend schicken. Bereits mit dem ersten Gedicht "Das große Lalula" von Christian Morgenstern verlangt Modler von seinen Zuhörern viel Bereitschaft, über Gewohntes hinaus zu hören. "Lautpoesie" heißt diese Gattung moderner Lyrik, die auf sprachlichen Sinn weitgehend verzichtet. Es ist wie abstrakte Kunst in sprachlicher Form.

Ein dreiviertel Jahr lang hat Modler nach Autoren gesucht, die etwas her geben, was nicht unbedingt nach Advent klingt, aber trotzdem gut in diese Zeit passt, weil ihre Texte beim Hören etwas in Gang setzen und auf jeden Fall wach machen. Wie die Jahre vorher sitzt Lukas Grimm oben an der Orgel und antwortet mit einer musikalischen Interpretation auf die Lyrik.

Dem Einfühlungsvermögen des brillanten Organisten ist es zu verdanken, dass die gesprochenen Worte für den Hörer, musikalisch modelliert, leichter zugänglich, versöhnlicher werden und die Schwere oder Unbegreiflichkeit sich in den Klängen aufzulösen beginnt. Das wird beispielsweise im experimentellen Gedicht "minz den gaawn" von Ernst Jandl offenbar, das ganz zum Schluss kommt: Da wartet Grimm nicht einmal Modlers Rezitation ab, sondern drängt mit der Orgel in den Text, hartnäckig, fast dreist – bis er sich irgendwann auf unglaublich berührende Art "ergibt" und Musik und Worte eins werden. Die Stimmen von Lukas Grimm und Peter Modler halten sich dann an der Grenze zum Singen auf und ihre Art des sprechenden Singens erinnert fast ein wenig an das Psalmodieren der orientalischen Priestermusik!

Etwas komplett anderes sind die Gedichte der Österreicherin Christine Lavant, die von dem erzählt, was sie am besten kennt: Armut, erzwungene Anpassung und Bigotterie. Oder Birgit Kreipe, deren Text auf faszinierende Art eine neue Wirklichkeit hinter dem Erinnern zeigt. Auf die Wiedergabe von Friedrich Rückerts "Kindertotenlied" wird das Orgelspiel zum liebevollen Streicheln und sanften Trösten. Ganz klein ist der Text "Die Sonntagmorgenmeise" von Reiner Kunze, der das Glück des Augenblicks mit wenigen Worten umfasst. Da bereichert Lukas Grimm das Orgelspiel mit fröhlichem Pfeifen als lautmalerische Entsprechung des Vogelrufs.

Beiden Künstlern ist ihre Freude am Schaffen von "Uraufführungen" anzumerken. Wenn Modler beispielsweise Robert Gernhardts Gedicht "Finger weg" liest, dann fließt jener unerschrockene Humor und trotzige Widerstand in seine Stimme ein, die dem Gedicht dieses Schriftstellers angesichts seiner Krebserkrankung entspricht: "Dann wird zu dritt geschritten: Primärkrebs links, Zweittumor rechts, das Schlachtkind in der Mitten..." Da ist dann die Orgel-Improvisation kein Spaziergang – und doch allemal besser, als daheim zu bleiben.

Wie es den Kirchenbesuchern am Ende dieses sehr unkonventionellen Adventsabends geht, kann man nicht sehen, weil die Kirche nur von ein paar wenigen Kerzen beleuchtet wird und man im Dunkeln sitzt. Unsicher applaudieren einige. Man will sich einerseits bedanken – andererseits aber das Nachwirken des Erlebten durch das Klatschen nicht beeinträchtigen. Die Besucher dieser Adventsnacht in der Amolterer Kirche werden mit Hilfe der am Ausgang bereitgelegten Auflistung der Gedichte und ihrer Autoren sehr wahrscheinlich mit dem Suchen weiter machen.