Wortgewandt und stilsicher

Christel Hülter-Hassler

Von Christel Hülter-Hassler

Mi, 18. Oktober 2017

Endingen

Die junge Mundartpoetin Kathrin Ruesch aus Buggingen begeistert bei Gastspiel in Endingen.

ENDINGEN. Wie gewohnt war am Samstag der Mundartabend der Muettersprochgruppe Kaiserstuhl-Tuniberg in Endingen gut besucht. Und wie gewohnt schätzten die Gäste das Ambiente in Müllers Scheune. Und doch war diesmal etwas anders als sonst. Das lag an der erst 23-jährigen Hauptdarstellerin des Abends: Kathrin Ruesch.

Die junge Mundartpoetin stand mit einer solch natürlichen Unbefangenheit, frei im Markgräfler Dialekt redend, auf der Bühne, dass die versammelten Freunde und Verfechter des Alemannischen sofort Morgenluft witterten für den weiteren Bestand des alemannischen Dialekts. Eine Vertreterin der jungen Generation, die sich so wortgewandt, stilsicher und kreativ mit ihrer Mundart auseinandersetzt, das hat man bisher tatsächlich noch nicht erlebt auf der Muettersprochbühne in Endingen.

So erzählt Kathrin Ruesch – inhaltlich weite Bögen schlagend – ungewohnt farbig aus ihrer Kindheit, beispielsweise, wie der Sonntagsausflug zu ihren Kaiserstühler Großeltern eine Reise "a de usserschd Rand vo de Welt" für das in Buggingen aufgewachsene Mädchen bedeutete. "Ich hab gmeint, de Kaiserstuahl isch e ander Word für Kiechlinsberge!" gibt die junge Frau ihren Zuhörern ihre kindliche Vorstellungswelt preis.

Schon die Fahrt an Burkheim vorbei ("bi de Burg ohni Dach") durch strotzende Obstanlagen und Reben bis nach Kiechlinsbergen habe sie stets beeindruckt, weil ihr dieser Ort als "s Bescht vo de Welt" erschienen sei – einschließlich der von der Oma aufgetischten guten Nudelsuppe.

Auch ihren Schulalltag und ihre Sicht auf die verschiedenen Fächer beschreibt Kathrin Ruesch auf eigenwillige Art, sie flicht Wortspiele ein oder zieht verblüffende Parallelen. Die Diskrepanz zwischen ihrem Blick hinaus aus dem Fenster in die hohen Bäume und vor auf die Tafel hat Kathrin Ruesch zu fantastischen Tagträumen und zum Nachdenken über all die Abzweigungen und großen Daseinsfragen im Leben inspiriert. Dabei jongliert die junge Frau nach Herzenslust mit Wörtern und Sätzen, gebraucht sie mal als Textgesang und ein andermal verdichtet zu Mundart-Sequenzen voller Poesie und Intensität.

"S kunnt nitt druff a, wiä witt mr isch, sondern wiä noh!" legt sie ihren Zuhörern sanft beschwörend ans Herz – um im nächsten Moment loszulegen und alle schonungslos mit explosiven Wortsalven aufzurütteln. Jeder Satz trifft ins Innerste, jede Sprachwendung ist Ausdruck ihres persönlichen Denkens und Fühlens. "Weniger zelle – mehr verzelle!" so positioniert sich Kathrin Ruesch beispielsweise als Sprachrohr der jungen Generation.

An diesem Abend in Endingen entpuppt sich die erstaunliche junge Frau auch als begnadete Anekdoten-Erzählerin. Dabei wirkt nicht nur, was sie zum Besten gibt, sondern vor allem wie sie es tut: Die alemannischen Verlautbarungen scheinen direkt aus ihrem Innersten zu kommen und Besitz zu ergreifen von ihren Händen, Augen, der Stimme und dem gesamten Habitus.

Das musikalische i-Tüpfelchen an diesem Abend setzt Bernd Kiefer mit seiner Mundharmonika. Der Offenburger ist ein Virtuose an seinem Instrument und während seiner hingebungsvoll dargebotenen Melodien können sich die Zuhörer entspannt zurück lehnen – um später Kathrin Ruesch wieder ihre ganze Aufmerksamkeit schenken zu können.

Am Ende gibt es für beide Künstler lang anhaltenden Beifall und ein großes Dankeschön vom sichtlich bewegten Muettersproch-Vorsitzenden Josef Baumann.