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30. Januar 2009

Engagiert, prinzipientreu und hart zu sich selbst

IM PROFIL: Islands neue Regierungschefin Sigurdardottir verließ ihre Partei im Zorn / In der Krise kehrt sie an die Macht zurück

  1. Johanna Sigurdardottir Foto: DPA

Ihr verbitterter Ausbruch zählt zu den bekanntesten Zitaten der isländischen Politik. "Meine Zeit wird kommen", rief sie ihren Parteikollegen zu, als sie den Machtkampf um die Führung der damaligen Sozialdemokraten verloren hatte und ihre eigene Splittergruppe gründete. 15 Jahre ist das her. Lange hat sie warten müssen, doch jetzt schlägt ihre Stunde. Johanna Sigurdardottir wird nach dem Zusammenbruch der von den Konservativen geführten Koalition Islands neue Ministerpräsidentin. Am Wochenende soll die neue Regierung antreten.

Sie ist zurzeit wohl die Einzige, die diese Aufgabe schultern kann: Die einzige Politikerin, die noch Vertrauen genießt, die einzige, die in den Monaten der öffentlichen Wut über die Verantwortlichen an der Finanz-, Wirtschafts- und Staatskrise an Popularität zulegen konnte. 73 Prozent zeigten sich zuletzt zufrieden mit der Arbeit der 66-Jährigen, die in dem abgetretenen Kabinett das Sozialressort leitete. Sie gilt, wie die Journalistin Iris Erlingsdottir schreibt, als "einzige Politikerin, die sich um die kleinen Leute kümmert", die ihre Karriere dem Kampf für mehr Wohlfahrt und für bessere Chancen der Benachteiligten widmete. Frauen, Ältere, Arme, Behinderte, Einwanderer – sie alle haben in Sigurdardottir ihre Fürsprecherin.

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Johanna – die Isländer sprechen einander nur mit dem Vornamen an – war erst Stewardess und Gewerkschaftsvorsitzende der Flugbegleiter, dann Büroangestellte und auch für diese gewerkschaftlich aktiv, ehe sie, wie einst auch ihr Vater, in die Politik ging. Seit 1978 sitzt sie im Parlament und zählt damit zu den Abgeordneten mit der längsten Erfahrung. Schon von 1987 bis 1994 war sie Sozialministerin, ehe der Bruch mit ihrer Partei ihre Regierungskarriere unterbrach. Doch als sich die Sozialdemokraten mit der einstigen Frauenpartei und anderen linken Gruppen als "Sozialdemokratische Allianz" neu formierten, kehrte auch Sigurdardottir in die Partei zurück. Als diese nach den Wahlen 2007 eine Koalition mit den Konservativen bildete, übernahm sie wieder den für sie maßgeschneiderten Posten der Sozialministerin.

Für ihren Arbeitseinsatz wird sie von allen respektiert. "Wenn sie Ministerin ist, ist sie die mit den meisten Vorschlägen; in der Opposition die, die der Regierung am härtesten zusetzt", sagt ein Kollege. Fleißig, engagiert, treu ihren Prinzipien sind Bezeichnungen, die auf sie gemünzt werden, der Mangel an diplomatischem Geschick und harte Ansprüche an sich selbst und ihre Mitarbeiter sind das Negativste, was ihren Kritikern über die Lippen kommt. Obwohl auch ihr Vater im Parlament saß, zählt die 66-Jährige nicht zu den Machtcliquen, die den Ton angaben und das Land ins Verderben ritten. Im Gegenteil: Sie hat sich stets gegen Nepotismus und Korruption gewandt, was ihr im Kielwasser der jetzigen Krise weitere Punkte in der Bevölkerung einbringt.

Dass sie weltweit die erste Regierungschefin ist, die sich offen als homosexuell erklärt, spielt in der isländischen Debatte keine Rolle. Sie hat zwei erwachsene Söhne, lebt jetzt aber mit der Schriftstellerin Jonina Leosdottir in registrierter Partnerschaft. So steht es auf der Homepage ihres Ministeriums. Sie verschweigt ihr Familienleben nicht, sie macht daraus kein Aufheben, und die Isländer respektieren sie so, wie sie ist. Wie sie auch Vigdis Finnbogadottir respektierten, die allein erziehende Mutter war, als sie 1980 als erste Frau, die in freien Wahlen zum Staatsoberhaupt gewählt wurde, Island auf die feministische Weltkarte setzte.

Sigurdardottir ist Islands erste Regierungschefin
Sigurdardottir ist jetzt Islands erste Regierungschefin. Nun soll sie zunächst einmal eine Minderheitskoalition mit dem links-grünen Bündnis bis zu den Wahlen führen, die noch in diesem Frühjahr stattfinden werden. Bei diesen ist ein politisches Erdbeben angesagt: Die Konservativen, seit jeher Islands führende Kraft, stehen vor einem Debakel, auch die Sozialdemokraten sind als mitverantwortlich an der Krise stark gebeutelt, neue Kräfte stürmen auf die politische Szene. Wenn sich der Rauch gelegt hat, wird sich weisen, wie lange die Stunde der Johanna Sigurdardottir dauert. In Island hätten die wenigsten etwas dagegen, wenn sie es sein wird, die den Wiederaufbau leitet.

Autor: Hannes Gamillscheg