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13. Juni 2012

Englisch mit schrägem Akzent

Unter den Songs von Fernsehsendern und Fußballverbänden zur Europameisterschaft finden sich nur wenige gute.

  1. Von ihnen stammt der ZDF-EM-Song „I Like to Move It“: Los Colorados aus der Ukraine Foto: Motor

  2. Er singt den offiziellen DFB-Fan-Song 2012: Roger Cicero Foto: dapd

Die Hoffnung, die Liedgut-Beiträge der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten oder der Fußballverbände zu einem Europa- oder Weltmeisterschaftsturnier könnten einmal etwas anderes als großer Quark sein, haben sich auch bei der laufenden EM nicht erfüllt. Doch auch 2012 gelingt es, zumindest einen brauchbaren Song aus dem trüben Fußballsong-Matsch herauszufischen: Das vom ZDF eingesetzte "I Like to Move It" von der Vier-Mann-Polkakombo Los Colorados aus dem westukrainischen Ternopil hat Charme, Witz, Tempo und eine angenehm anarchisch-ulkige Note.

Gut, der Song ist im fast 20 Jahre alten Original des House-Duos Reel 2 Real weitgehend unerträglich und unendlich stumpf, aber in der so folkloristisch wie versoffenen klingenden Version von Ruslan "Prystupnic" Prystupa, Rostyslav "Roslyk" Fook, Serhiy "Masyanya" Masyk und Oleksandr "Lesyk" Drachuk gewinnt die Nummer. "Unser Sänger kann lustigerweise weder Deutsch noch Englisch, was gut ist für uns", verrät Gitarrist Roslyk, der selbst mal ein Jahr als Englischlehrer gearbeitet hat und die Sprache beherrscht. "Denn sonst würde er seinen wunderbaren schrägen Akzent verlieren."

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Die Los Colorados – drei der vier Mitglieder lernten sich als Arbeitskollegen in einem Fotolabor kennen – gibt es seit 2006. Sie fingen an mit selbstgeschriebenen Nummern (von denen sich einige, etwa "Indie Boy", auch auf ihrem Album "Move It!" finden), verlegten sich aber bald aufs Covern. Durch ihre Version von Katy Perrys "Hot ’n’ Cold" wurden sie in der Heimat und auf Youtube so berühmt, dass das ZDF und Filmemacher Detlev Buck aufmerksam wurden. Ein Filmchen wurde gedreht, der Trupp engagiert und in Berlin einquartiert. Fook: "Noch sind wir in der Ukraine bekannter als in Deutschland, aber ich hoffe, dass sich das in wenigen Wochen geändert hat."

Die Kriterien für einen guten Fußballsong sind ja eigentlich denkbar einfach. Man muss ihn sich leicht merken können, er muss anständig abgehen und eine einprägsame Melodie haben, auch der Text darf keinesfalls zu kompliziert sein. Ein Bezug zum Fußball ist ein weiterer Vorteil, aber kein absolutes Muss. Wichtig ist, dass man die Nummer auch nach Verköstigung einer halben Kiste polnischen Tyskie-Bieres noch problemlos mitgrölen kann. Manche der legendärsten Turniersongs wurden zufällig zu solchen (etwa "Seven Nation Army" von den White Stripes), andere wie "’54, ’74, ’90, 2006", jener zum Klassiker gewordene Titel der Sportfreunde Stiller zur WM 2006, waren schon als solche clever konzipiert .

Klar ist jedoch: So eine luschige Nummer wie "Endless Summer" von Oceana, immerhin offizieller UEFA-EM-Song, versagt auf sämtlichen hier beschriebenen Ebenen. Der Stil ist eine Art Reggae, aber das Stück hat weder etwas mit Fußball zu tun, noch reißt es in irgendeiner Form oder in irgendeinem Zustand mit. "Endless Summer" ist banaler Billigpop und die Hamburgerin Oceana, die aufgrund früherer Charterfolge in Polen ausgesucht wurde, ist keine Shakira.

Einen offiziellen "DFB-Fan-Song" gibt es auch. Er kommt von Roger Cicero. Heißt "Für nichts auf dieser Welt", ist mittelschnell, stammt von Ciceros jüngstem Album und fällt auf durch Zeilen wie "An Tagen wie diesen werden Sterne geboren". Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff liebt diese Sorte Musik, Xavier Naidoos "Dieser Weg" ging 2006 in die selbe Richtung. Wenn überhaupt, ist das Cicero-Lied eher eine Motivationshymne für die Mannschaft als eine Partyhymne für Fans.

Auch Linkin Park sind prominent im EM-Soundtrack vertreten, ihr "Burn it Down", das beim ZDF die Tageshöhepunkte akustisch flankiert, ist ja auch ein ehrenwertes Stück Musik. Nur dumm, dass sich auch auf Nachfrage kein Linkin-Park-Mitglied findet, das sich für Fußball interessiert. "Ist nicht unser Sport", sagt Sänger Chester Bennington, "aber zur gleichen Zeit kommt unser neues Album raus, also nutzen wir diese Plattform zur Werbung". Gewieft waren sie schon immer.

Natürlich gibt es auch noch jede Menge Nummern, die nicht ständig im Fernsehen laufen, sich aber trotzdem wie Smarties in den EM-Kuchen drücken wollen. Die Multikulti-Band Culcha Candela nervt ein weiteres Mal mit Trashpop, diesmal heißt der Song "Von allein" und geht hoffentlich auch von allein wieder weg. Auch ein im Sponsorengeschäft tätiger Brausekonzern hat sein eigenes Lied: Der Fanclub Nationalmannschaft verhackstückt in "Zeit für mehr (Weita, immer weita)" legendäre Doofsprüche wie Andy Möllers "Madrid oder Mailand – Hauptsache Italien" zu einem ziemlich unlustigen Lied. Die Kölner Karnevalsrocker Brings bekommen bei ihrem "Halleluja" sogar gesangliche, wie soll man es nennen, Unterstützung von Prinz Poldi. Hilft aber auch nichts.
– Los Colorados: Move It! (Motor/Sony). Roger Cicero: Für nichts auf dieser Welt (Single-CD/Warner).

Autor: Steffen Rüth