Entrückter Zauber

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mi, 03. Januar 2018

Laufenburg

Organistin Tarr und Sopranistin Jarnach gelingt in St. Martin ein ungewöhnliches Neujahrskonzert.

LAUFENBURG-LUTTINGEN. Eine engelsgleiche Stimme, die wunderbar klar und schwebend den Raum erfüllt, zog beim Neujahrskonzert in der Pfarrkirche St. Martin in Luttingen die Zuhörer in Bann. Die Stimme gehört der jungen Sopranistin Andrea Jarnach, die mit der arrivierten Organistin Irmtraud Tarr ein ungewöhnliches Programm zum Jahresauftakt gestaltete.

Zum ersten Mal war in dieser Neujahrsreihe Sopran und Orgel zu hören statt der sonst üblichen Kombination Trompete und Orgel. Die beiden Künstlerinnen hatten ein apartes und anspruchsvolles Programm zusammengestellt, mit alter und neuer Musik, beginnend mit barocken Opernarien und barocken Orgelstücken, gefolgt von einem romantischen und spätromantischen Teil und endend in einem zeitgenössischen Gesangsstück.

Die junge Opernsängerin, die ihr Studium am Mozarteum Salzburg mit Auszeichnung abgeschlossen hat, sang die berühmte Arie "Lascia ch‘io pianga" aus der Oper "Rinaldo" von Händel berührend schön. Sehr gefühlvoll, mühelos in der Höhe, einfühlsam in der Stimmführung, mit immer neuen Verzierungen in den Strophen, interpretierte sie diese herzergreifende Arie. Auch in der Klage "When I am laid in Earth" aus Henry Purcells Oper "Dido and Aeneas" wirkte Jarnachs Gesang wunderbar klar, höhensicher, voller Ruhe und Innigkeit. Man merkte an den ausdrucksvoll ausgestalteten Affekten, dass sich die Sopranistin intensiv mit der historisch informierten Gesangspraxis beschäftigt hat. Mit weich grundiertem Klang begleitete Irmtraud Tarr diese barocken Klagearien.

Einen lebhaften Kontrapunkt dazu setzte Tarr in den solistischen Orgelstücken von Purcell. Kräftig, agil und dynamisch, mit energischem, betont tänzerischem Impetus spielte sie das Rondeau aus "Abdelazer", die Chaconne aus dem Bühnenwerk "The Fairy Queen" und die Aire aus "Bonduca". Eine ganz andere Stimmung kam in den romantischen Werken auf. Die "Cantilene" von Mendelssohn spielte Tarr sehr ruhig, kantabel, in gedeckten Farben registriert. Sehr poetisch im Zusammenklang von Sopran und Orgel war "Der Engel" aus den Wesendonck-Liedern von Richard Wagner. Über einem weichen Klangteppich der Orgel erhob sich die Stimme Jarnachs wie eine Lichtvision, lyrisch, schwerelos, lupenrein in der Intonation. Dieses traumhaft schön gesungene Lied zur zurückhaltenden Orgelbegleitung hatte in seiner ruhigen Melodie einen entrückten Zauber.

Einen scharfen Kontrast zu dieser Liedlyrik bildete das Orgelwerk "Homage to Handel: 50 Studies in Variation Form" von Sigfrid Karg-Elert von 1914. Schier wahnwitzig in den Orgeleffekten kommen diese Variationen über ein Thema von Händel daher, die nur höchst selten aufgeführt werden. Als Virtuosin von überragendem Können, Temperament und Risikofreude stürzte sich Tarr voller Vehemenz in dieses extrem fordernde Stück mit seinen scharf auffahrenden Klängen, wuchtigen Klangballungen und seltsam entrückten Passagen, die alles an orgeltechnischer Bravour verlangen und ein breites Klangspektrum auffächern.

Nach dieser schweren Orgel-Kost gab es Besänftigendes in "My Heart’s in the Highlands" von Arvo Pärt für Sopran und Orgel. Wunderbar kontemplativ entfaltete Jarnach ihre berückende Stimme in diesem Stück des estnischen Gegenwartskomponisten, das melancholische Bilder von unendlicher Weite und Sehnsucht im schottischen Hochland beschwört. In drei Tonhöhen gestaltete die Sängerin dieses Stück, das eine Stimmung voller Schlichtheit und Ruhe in den Raum trägt.

Diese Stimmung griff Organistin Tarr nach dem herzlichen Schlussbeifall auf und gab den Zuhörern das träumerisch sanfte Wiegenlied von Schumann als Zugabe mit auf den Weg ins neue Jahr.