"Er passte in kein Schema"

Jutta Geiger

Von Jutta Geiger

Do, 12. April 2018

Müllheim

Autorin Sabine Huttel hat einen Roman verfasst, deren Hauptfigur nach ihrem gehandicapten Onkel gezeichnet ist.

MÜLLHEIM. Ein Buch wirkt manchmal wie eine Zeitmaschine. So auch Sabine Huttels Roman "Ein Anderer", der bei der Autorenlesung in der Müllheimer Buchhandlung Beidek am Dienstagabend das Publikum einen Zeitsprung zurück in den Ersten Weltkrieg machen ließ.

Es ist das Jahr 1917, der dreijährige Ernst Kroll zieht sich gerne in seine eigene Fantasiewelt zurück, in der sein Holzpferd ein weißer Schimmel ist, auf dem er reitet. Die Realität ist eine andere: Der Junge schläft extrem viel, hat Schwierigkeiten mit dem Essen, mit dem Sprechen, und mit der Kontrolle seiner Bewegungen, ja sogar eine Spinne läuft besser als er, muss er sich eingestehen. Der kleine Ernst leidet an einer Schilddrüsenerkrankung, die einen Arzt veranlasst, eine Versuchsreihe an ihm auszuprobieren, die zu starken Nebenwirkungen führt, so dass sie wieder abgebrochen werden muss. Die Zuneigung seines Vaters zu ihm wächst, als Ernst seine Vorliebe für die Musik entdeckt und dadurch ein feines Band zwischen den beiden entsteht, das sie verbindet.

Der Junge wächst heran zu einem jungen Mann, doch im Alter von ungefähr 20 Jahren ist er körperlich noch sehr klein, und die Außenwelt führt ihm sein Anderssein auf grobe Weise vor Augen. Auch seine jüngere Schwester ertappt sich dabei, dass sie sich wünscht, nicht mit ihrem gehandicapten Bruder in Verbindung gebracht zu werden. Und über der ganzen Szene schwebt als Bedrohung die Euthanasie, vor der der Vater seinen Sohn um jeden Preis bewahren will.

Der Roman zieht den Zuhörer sofort in seinen Bann, man leidet mit dem jungen Ernst, der sich so bemüht, seine Suppe zu löffeln, oder als junger Mann im Laden einzukaufen. Im Publikum ist es mucksmäuschenstill, um nur keine Aktion des Vaters zu verpassen, der seinen Sohn schützen will, bei diesem aber mit seinen Verboten auf völliges Unverständnis stößt.

Die Handlung des Romans ist größtenteils erfunden, jedoch wurde die Hauptperson Ernst Kroll nach dem Vorbild ihres Onkels erschaffen, erklärte die Autorin, den sie kennenlernte, als dieser bereits 40 Jahre alt war. Wie selbstverständlich sei man damals mit dem Onkel umgegangen, der so in gar kein Schema gepasst habe, denn er sei viel kleiner gewesen als die anderen Erwachsenen, andererseits auch ganz anders als die Kinder. "Er war etwas Besonderes!", stellte Sabine Huttel fest, die erst durch Briefe ihrer Eltern, die sie vor 10 Jahren las, auf die Idee zur Lektüre kam. Diesen Briefen entnahm sie erstmals, wie sehr die Eltern von der damaligen Zeit gezeichnet wurden, während ihr besonderer Onkel, der ihre Eltern bei Weitem überlebt hatte, völlig unangetastet durch diesen Abschnitt der deutschen Geschichte gelangen konnte. Sie begann daraufhin anhand von Tageszeitungen im Thüringischen Staatsarchiv zu recherchieren, wie dort der Familienalltag auf dem Dorf während des Ersten Weltkriegs aussah. Die Geschichte selbst hat sie dort angesiedelt, wo ihr Onkel lebte, nämlich im Thüringischen Wald, denn für sie gehöre er einfach dort hin, so die Autorin.

Musikalisch begleitet wurde der Ausflug in die deutsche Vergangenheit von Wolfgang Hillemann, der auf der Gitarre mit ruhigen Melodien dafür sorgte, dass die Gedanken noch einmal um das eben Gehörte kreisen konnten, beziehungsweise bot sich auch die Gelegenheit, in Gedanken die Geschichte weiterzuspinnen und die Vorfreude auf die nächste Lesepassage wurde gesteigert.

Inhaberin Antonia Schulze Hackenesch hatte zu Beginn der Abendveranstaltung berichtet, als sie auf diese Lektüre aufmerksam gemacht wurde, sei sie erst skeptisch gewesen, habe das Buch dann aber in einem Zuge voll Begeisterung verschlungen – was ihr sicher viele Besucher der Lesung nachmachen werden.

Die Autorin Sabine Huttel ist Jahrgang 1951. Sie unterrichtete rund 30 Jahre lang in Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Der Roman "Ein Anderer" ist bereits ihre dritte Veröffentlichung. Heute lebt sie in Berlin und Badenweiler. Ihr Roman "Der Andere" nimmt am Wettbewerb für den Blogbuster-Preis teil, wo den Gewinnern – jeweils Autoren ohne Verlagsvertrag – im Falle eines Gewinnes ein ebensolcher winkt. Wer der glückliche Gewinner ist, entscheidet eine Fachjury.