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06. Januar 2016 20:59 Uhr

Leitartikel

Ereignisse von Köln: Debatten müssen geführt werden

Die Übergriffe von Köln rufen Wut und Angst hervor. Doch nach der ersten Aufregung sollte sich die Stimme der Vernunft melden. Viele Aspekte sind noch unklar. Unbequeme Debatten müssen geführt werden. Und: Sagen uns die Ereignisse tatsächlich etwas über die Flüchtlingskrise?

  1. Noch müssen die Hintergründe aufgeklärt werden, die Suche nach Schuldigen ist in vollem Gange. Foto: dpa

Als wohlmeinender Mensch tut man sich jetzt wieder richtig schwer. Da war zuerst das Erschrecken, als nach und nach offenbar wurde, was in Köln in der Silvesternacht passiert ist, als die Schilderungen auf den Online-Nachrichtenseiten zu lesen waren. Nicht nur, wer selbst – auch als Mann – schon einmal in einer alkoholisierten, aggressiven Männermenge sich bedroht fühlte, hat zu allererst wohl mit ohnmächtiger Wut reagiert.

Das darf doch nicht wahr sein, dass in unserem Land so etwas passiert, dass Frauen so angegriffen und gedemütigt werden. Und sogleich gesellt sich ein weit verbreitetes Gefühl der Angst dazu. Denn es geht allem Anschein nach um Fremde, um junge Männer mit arabischem oder nordafrikanischem Aussehen. Ganz unmittelbar, man kann gar nicht anders, verbinden sich die Ereignisse im Kopf mit dem, was in den vergangenen Monaten niemanden unberührt gelassen hat – mit dem Zustrom der Flüchtlinge zu uns. Ist das jetzt die Folge? Droht so etwas auch bei mir vor Ort?

Stimme der Vernunft

Nach der ersten Aufwallung meldete sich dann aber die Stimme der Vernunft mit ihren Fragen. Was genau wissen wir denn von den Ereignissen? Was stimmt von den widersprüchlichen Angaben? Und: Was sagen uns die Ereignisse in Köln denn tatsächlich über die Flüchtlingskrise?

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Wem es so ging, der erlebte aber auch ein zweites Erschrecken. Darüber, wie irrsinnig einmal mehr eine Debatte – wenn man es denn so nennen will – entbrannte, die sogleich alles an Pauschalurteilen und Verunglimpfungen mit sich brachte, was es beim Thema Flüchtlinge mittlerweile gibt. Im Netz und in den sozialen Medien machte sich wieder ein aggressives Vokabular voller Ermächtigungsphantasien breit, wüste Beschimpfungen von Politikern und Journalisten inklusive.

Fehleinschätzung abgegeben

Schwer tut sich nun, wem solches Reden zuwider ist, wem sich aber angesichts Kölns Fragen stellen. Da ist zum einen die Silvesternacht selbst: Ganz offensichtlich hätte die Polizei anders reagieren müssen. Aber wer hat was falsch entschieden? Das wird zu klären sein. Ebenso wie die Frage, warum das Präsidium am Tag darauf eine so groteske Fehleinschätzung abgegeben hat.

Schwieriger dürfte eine Antwort auf die Frage zu finden sein, wie sich solche Situationen verhindern lassen. Und dahinter steht die Debatte, die seit längerem geführt wird, diejenige um die personelle Ausstattung der Ordnungskräfte. Keine anderthalb Monate ist es her, dass die Gewerkschaft der Polizei eine Kampagne gestartet hat, um sich über Millionen Überstunden zu beklagen. Man muss gar nicht nach einem stärkeren Staat rufen, um hier ein Defizit zu erkennen.

Keine pauschale Vorabverurteilung

Solche Abstufungen gelten auch für die andere Seite, die Frage nach dem Umgang mit jener Gruppe unter den – jetzt oder schon früher – ins Land gekommenen Asylsuchenden, die nicht erst jetzt und nicht nur in Köln durch kriminelle Taten aufgefallen ist. Auch hier verbietet sich jede pauschale Vorabverurteilung. Aber dass nicht syrische oder afghanische Flüchtlingsfamilien in solcher Weise auftreten, ist augenscheinlich. Wie aber bringt man diejenigen jungen Männer nordafrikanischer oder arabischer Herkunft, denen die Kölner Täter zugerechnet werden, dazu, sich an Regeln und Gesetze zu halten?

Es sind Fragen, die sich nicht erst jetzt stellen. Über Sozialarbeit oder Abschreckung durch hohe Strafen ist – mit Blick auf ganz andere Gruppen – schon vor Jahrzehnten diskutiert worden. Und über die Frage, wie man jungen Männern ein falsches Geschlechterbild nimmt, mit dem sie aufgewachsen sind, wird ebenfalls seit langem, seit es "Ehrenmorde" in türkischen Familien gab, geredet. Diese Debatten müssen jetzt wieder geführt werden – bei der ersten Aufregung darf es nicht bleiben.

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Autor: Thomas Steiner