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31. März 2009

Erinnern ist der Anfang

Stefan Bergmannns beeindruckende Ausstellung im Waldkircher Georg-Scholz-Haus.

WALDKIRCH. Immerhin: Obwohl am Sonntag an der Uhr gedreht und in der Großen Kreisstadt über die Zukunft der Schwimmbäderlandschaft bürgerentschieden wird, füllt sich das Georg-Scholz-Haus einmal mehr zur Vernissage. Gezeigt werden Arbeiten des im Hotzenwald lebenden Künstlers Stefan Bergmann. Der Titel "Mnemosyne" will einem nicht leicht über die Lippen gehen, das Lexikon weiß, es handele sich um die Mutter der griechischen Musen, die Göttin der Erinnerungsgabe.

Bergmanns Arbeiten sind zuweilen an Sepia-getönte Fotografien erinnernde Gemälde, die Menschen allenfalls von hinten (oder nur ihre Hände) zeigen, dazu Landschaften und auf den ersten Blick rästelhafte – Motive. Die Exaktheit der Ausführung, die raumgreifende Wirkung der Bilder ist beeindruckend, die Meisterschaft offensichtlich.

Kunstforum-Vorstand Volker Lindemann begrüßt die Gäste, Gitarrist Stefan Goeritz, im Hauptberuf Leiter der Musikschule Waldkirch, steuert die musikalischen Beiträge des Vormittags bei. Die Musik, die er spielt, ist alles andere als anspruchslos. "Cancion de l’Emperador" von Luis de Narváez als auch "Due Canconi Lidie von Nuccio d’Angelo verlangen Konzentration und Aufmerksamkeit. Goeritz stellt selten gehörte, teils schlichtere, teils ausgesprochen virtuose Klänge vor – schade, dass in diesem Rahmen nur Kostproben möglich sind.

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Jürgen Glocker, Kulturreferent im Waldshuter Landratsamt, führt in Stefan Bergmanns Werk ein. Seine Darstellungen, die von einem Rilke-Zitat ausgehen und wieder zu ihm zurückkehren, setzen sich mit dem Zusammenhang von Vergessen, Erinnerung und Kunst auseinander. Mnemosyne, erklärt Glocker, die Tochter von Uranus und Gaja, sei die personifizierte Erinnerung und Mutter der Musen; Vergessen, Erinnerung und Kunst, sagt Glocker mit Verweis auf Tellkamps "Turm"-Roman, gehörten zusammen. Dass Bergmann, der im sächsischen Radeberg geboren wurde, in Köln und London studierte, sich immer wieder mit Löffeln befasst, hängt für Glocker mit der Flucht seiner Familie nach dem Krieg in den Westen zusammen: Die Familie konnte nur die Löffel retten. Löffel seien, meint Glocker, über lange Zeit das einzige Gerät zur Nahrungsaufnahme gewesen.

Laut Glockler würden viele Künstler immer wieder die "Depots ihrer Vergangenheit" abschreiten. Eine Hochzeitsreise ans Meer, die Blusen der Ehefrau – das sind die Motive, die "hinter" den Bildern Bergmanns stehen. An die Stelle früherer Reisen sei heute die Beschäftigung mit der Geschichte des Stilllebens getreten.

Wer möchte, kann Glockers Erläuterungen ebenso wie die Bilder Stefan Bergmanns als Hinweis auf die eigenen Erinnerungen sehen – als Symbol für die persönlich wichtigen Reisen und Begegnungen. Und oft hinterlassen ja die "einfachen" Ereignisse die tieferen Eindrücke: das Glas Wein mit Freunden, der Spaziergang am Meer, der Schlüssel für die Wohnung als Ausweis der Gemeinsamkeit. Nicht alle Bilder Bergmanns sind gleich stark, aber das bemerkenswerte Niveau dieser Ausstellung steht außer Frage.

Öffnungszeiten der Bergmann-Ausstellung: donnerstags 15 bis 20 Uhr, freitags und samstags 15 bis 18 Uhr, sonn- und feiertags 10 bis 13 Uhr. Georg-Scholz-Haus, Merklinstrasse 19 (bis 10. Mai)

Autor: Frank Berno Timm