Erster Fukushima-Toter

Finn Mayer-Kuckuk

Von Finn Mayer-Kuckuk

Fr, 07. September 2018

Ausland

Japan hat den Krebstod eines AKW-Arbeiters als Arbeitsunfall anerkannt / Weitere Tote befürchtet.

PEKING. Japan hat seinen ersten offiziellen Strahlentoten nach dem Reaktorunglück von Fukushima vor sieben Jahren: Ein 41-jähriger Kraftwerksmitarbeiter sei an Lungenkrebs gestorben, der auf die erhöhte Strahlenbelastung während der Atomkatastrophe zurückgehe, teilte das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales am Donnerstag in Tokio mit. Auch die Krebserkrankungen drei weiterer Arbeiter führt das Ministerium auf ihre Tätigkeit an dem AKW zurück.

Die japanische Regierung tut sich schwer damit, Strahlentote aufgrund des Fukushima-Unfalls offiziell anzuerkennen. Als Eigentümerin der verantwortlichen Stromkonzerns Tepco muss sie Entschädigungen zahlen – und noch ist unklar, wie viele Fälle noch auftreten. Außerdem will sie die Bevölkerung ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Auf der einen Seite hat sie die Umgebung des Kraftwerks wieder zum Wohnen freigegeben, was ebenfalls Entschädigungen spart. Auf der anderen Seite will sie vor den olympischen Spielen in Tokio 2020 Normalität vermitteln.

Krebspatienten in der weiteren Region werden fast immer Zweifelsfälle bleiben – es lässt sich nur selten mit medizinischer Sicherheit ermitteln, was die Erkrankung ausgelöst hat. Die Tepco-Mitarbeiter, die nach dem 11. März 2011 auf dem Gelände arbeiteten, waren jedoch ganz eindeutig sehr hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt. Ein schweres Erdbeben und eine meterhohe Flutwelle hatten die Reaktorgebäude zerstört. Die Verkehrsverbindungen war unterbrochen. Ganz zu Anfang mangelte es sogar an Schutzausrüstung und guten Gasmasken. Der Betreiber evakuierte einen Großteil der 750 Mitarbeiter aus der Strahlenzone.

Die "Fukushima Fifty" blieben in der Gefahrenzone

Dennoch blieb einige Dutzend Männer des Kraftwerkspersonals auf dem Gelände. Die Medien nannte sie die "Fukushima Fifty" (Fukushima 50), die sich damals erheblicher Gesundheitsgefahren aussetzten. In den Tagen danach kamen Feuerwehrleute, Spezialkräfte von Firmen wie Toshiba und weitere Hilfsarbeiter aus Tokio hinzu. Zu den Zeiten der schlimmsten Freisetzung radioaktiver Stoffe arbeiteten 580 Personen auf dem Gelände – grundsätzlich freiwillig. Der damalige Premier Naoto Kann sagte damals, die Arbeiter seien Helden, "bereit zu sterben". Der Lungenkrebspatient, der nun gestorben ist, hatte schon seit 1980 für Tepco gearbeitet. Er gehörte zu einem Team, das Strahlenmessungen vornahm. Die Einstufung seiner Krankheit als arbeitsbedingt folgte einem bürokratischen Automatismus: Den gesammelten Aufzeichnungen über die tägliche Strahlenbelastung zufolge hatte er über sein Arbeitsleben von 195 Millisievert abbekommen, das meiste davon in den Tagen der Katastrophe. Die Regeln sagen, dass die Krebserkrankung eines Mitarbeiters, der in einem Fünfjahreszeitraum einer Dosis von mehr als 100 Millisievert ausgesetzt war, als Arbeitsunfall anerkannt wird.

Es ist also unklar, ob der Krebs des Mannes wirklich von Fukushima kommt. Und noch unklarer ist, ob nicht andere Krebsfälle, die nicht ins Raster passen, in Wirklichkeit von der Katastrophe verursacht wurden. Der Fall hat jedoch als erster anerkannter Strahlentod durch den japanischen GAU symbolische Bedeutung.

Seismologen befürchten weitere schwere Erdbeben vor der Ostküste Japans, wo mehrere tektonische Platten aufeinanderstoßen. Die Regierung unter Premier Shinzo Abe denkt daher langsam um: Statt einem Neustart der Kernmeiler und einer Rückkehr in die Atomzukunft will sie nun eine konsequente Wende zu erneuerbarer Energie mit Wasserstoff als Zwischenspeicher einleiten.