Statistik der Polizei

Es gibt keinen langfristigen Trend zu mehr Sexualstraftaten in Freiburg

Joachim Röderer

Von Joachim Röderer

Do, 15. November 2018 um 07:28 Uhr

Freiburg

Lebt es sich in Freiburg gefährlicher als in anderen Städten? Und ist es heute gefährlicher als früher? Das sind Fragen, die nach dem Hans-Bunte-Fall diskutiert werden. Hier sind die Antworten.

Der Blick in Langzeitstatistiken zeigt, dass es bei den Sexualstraftaten bis zum Jahr 2017 immer ein Auf und Ab gegeben hat. Im Jahr 1981 etwa zählte die Polizei in Freiburg 283 Fälle, darunter 44 Vergewaltigungen – das war der höchste Wert in den vergangenen 40 Jahren. Und dabei hatte die Stadt damals rund 50.000 Einwohner weniger als heute. Den niedrigsten Wert liefert in der Langzeitbetrachtung das Jahr 2002 mit 109 Sexualdelikten.

2016 wurde das Strafgesetzbuch geändert. Seither zählt in der Statistik auch sexuelle Belästigung als Sexualstraftat. 2017 waren dies in Freiburg 54 Fälle. Ohne diese Gesetzesänderung wäre die Zahl der Sexualstraftaten 2017 auf 118 Fälle gesunken – was den niedrigsten Wert seit 2006 bedeutet hätte.

2018 ist jedoch die Zahl dieser Straftaten wieder deutlich angestiegen, wie jüngst Polizeipräsident Bernhard Rotzinger mitteilte. Schon jetzt im November ist fast der Stand des gesamten Jahres 2017 erreicht.

Polizeistatistik zeigt erfasste Fälle, keine Urteile

Der Anteil ausländischer Verdächtiger ist kontinuierlich gestiegen – zwischen 2003 und 2017 von 30 auf 42,2 Prozent. Im laufenden Jahr soll er laut Polizeipräsident Rotzinger die 50-Prozent-Marke erreicht haben. Wie viele Tatverdächtige auch verurteilt werden, geht aus dieser Statistik allerdings nicht hervor.

Beim Vergleich der baden-württembergischen Großstädte hat Freiburg, anders als bei der Kriminalität insgesamt, bei den Sexualdelikten nicht die Spitzenposition. So wurden 2017 in Stuttgart 93 Sexualdelikte auf 100.000 Einwohner gezählt. In Freiburg und Heidelberg waren es jeweils 74, in Mannheim 70 Delikte. Die niedrigste Belastung weist Karlsruhe auf – mit 58 Fällen auf 100.000 Einwohner.

Häusliche Fälle werden oft nicht angezeigt

Die Statistikzahlen können ohnehin nicht die ganze Wahrheit widerspiegeln. "Es werden nur 10 bis 20 Prozent der Fälle überhaupt anzeigt", sagt der Wissenschaftler Dietrich Oberwittler vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. Die nichtangezeigten Taten passierten oft im sozialen Nahbereich, wo sich auch die meisten Fälle ereignen.

Man müsse akzeptieren, dass die spektakulären Taten öffentliche Aufmerksamkeit erregen, so Oberwittler. Es habe aber wenig Sinn, die häuslichen Fälle dagegenzuhalten, um zu relativieren: "Man sollte die Betroffenen nicht gegeneinander ausspielen."

Warnung vor Symbolpolitik

Die aufsehenerregenden Fälle sind es dann auch, welche die Politik zum Handeln bringen. Wissenschaftler Oberwittler warnt vor Symbolpolitik, die wenig nutze und die Leute nur beruhigen solle. Auch mit mehr Kontrolle und mehr Überwachung könne es nie eine 100-prozentige Sicherheit geben.

Gelitten hat gerade durch aufsehenerregende schwere Straftaten das Sicherheitsgefühl. Dietrich Oberwittler verweist auf eine neue Studie: 50 Prozent der Frauen, so die Untersuchung, zeigten ein sogenanntes "Vermeidungsverhalten" für bestimmte Orte, Wege oder Situationen.

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