"Es ist doch egal, wo man herkommt"

Michael Baas

Von Michael Baas

Sa, 14. Juli 2018

Rock & Pop

BZ-INTERVIEW mit Jeff Cascaro, der das Stimmenfestival eröffnet.

Jeff Cascaro? Der 50-Jährige hat sich 2006 mit seinem erstem Soloalbum "Soul of a Singer", das Einflüsse von Ray Charles und Marvin Gaye verarbeitet, quasi aus dem Stand in die vorderen Reihen anspruchsvoller europäischer Soul-Jazz-Entertainer gesungen. Mit seinem neuen Programm "Love & Blues in the City" eröffnet er am nächsten Dienstag das 25. Stimmenfestival. Michael Baas hat bei Cascaro nachgefragt.

BZ: Herr Cascaro, ihr Gesang weckt mitunter Assoziationen an den Süden der USA. Aber Sie kommen definitiv aus dem Ruhrgebiet und leben da bis heute. Wie passt das zusammen?

Cascaro: Mich wundert diese Ruhrgebietsfrage immer ein bisschen. Denn eigentlich ist es doch egal, wo man herkommt. Wichtig ist das, was rauskommt. Das gilt übrigens nicht nur für die Musik. Musik sucht sich ihre Ausdrucksformen. Ich habe diese Musik nie gesucht. Die ist zu mir gekommen.

BZ: Aber Soul und Jazz stehen auch für Emotion, für Feeling. Wo im Ruhrgebiet entsteht dieses Feeling?
Cascaro: Das kann man sich meiner Meinung nach nicht erarbeiten oder aneignen. Das ist da – zumindest in der rudimentären Form. Daran hangelt man sich entlang und irgendwann kommt man zum eigenen Ausdruck.

BZ: Traditionell ist Jazz die Musik des anderen, des farbigen Amerika, mittlerweile aber längst globalisiert. Gibt es für Sie einen europäischen, einen weißen Jazz?
Cascaro: (lacht) Die Fragen sind ja wie Kanonenschläge. Jazz hat mit Hautfarbe nichts zu tun. Für mich ist das Musik, die in den Grundfesten organisch und lebendig ist, weder akademisch, noch theoretisierend, sondern Musik, die sich ständig verändert und sich schon daher jeder Verortung oder gar Ethnisierung entzieht.

BZ: Aber es gibt doch Differenzen. Auf der einen Seite steht die Great Black Music, die aus einem Lebensgefühl und der Erfahrung von Ausgrenzung und Diskriminierung gespeist ist, auf der anderen der europäische Jazz, dem Verkopftheit und Intellektualität nachgesagt wird.

Cascaro: Ich sehe solche Pauschalisierungen kritisch. Jeder hat einen individuellen Ansatz. Meiner ist, dass es organisch ist, swingt und groovt, dass es nicht nur textlich, sondern auch musikalisch Geschichten erzählt, dass ich das singe, was aus mir herauskommt, spiele, ohne groß nachzudenken. Wenn sich das mit anderen auf der Bühne trifft, wenn daraus Kommunikation entsteht, ist das Jazz.

BZ: Ihre aktuelle CD führt im Titel auch den Blues. Gehen Sie nun fremd?
Cascaro: Nein! Das ist alles Musik, die sich bedingt. Blues ist Jazz, Jazz Blues. Wenn man Charlie Parkers Solos zuhört, ist da jede Menge Blues. Auch wenn das musiktheoretisch zwei Stiefel sein mögen, für mich ist das eine Sache samt Soul und Funk. Das sind Zutaten, die mal mehr mal weniger aufscheinen, abhängig von der Stimmung, der ‘sentimental Mood’ und der Interpretationslust.

BZ: Das Album bietet auch Bluesklassiker – von Willie Dixons "My Babe" bis zum "Stormy Monday Blues". Was macht solche Songs interessant?
Cascaro: Die Geschichten. Blues wird in der Wahrnehmung oft auf ein strenges Schema reduziert. Aber die alten Meister scheren sich da gar nicht darum, die improvisieren munter drauflos. Da gibt es krumme Takte, krumme Formen, ganz andere Melodien. Der Blues ist eine hervorragende Grundlage, um zu interpretieren und zu improvisieren und ihn zu verändern. Man hat eine Vorlage und kann damit arbeiten.

BZ: Stellen Sie die Songs auf ein Denkmal oder nutzen sie als Rohstoff?

Cascaro: Ich respektiere das, was war. Aber ich mache keinen Ahnenkult, sondern fülle die Songs mit meinem Leben und singe sie auf meine Art. Wenn das nicht gelingt, lasse ich die Finger davon.

BZ: Die CD ist eher reduziert, man könnte sagen klassisch instrumentiert, verzichtet auf Bläser und E-Gitarre, nur Kontrabass, Schlagzeug, Piano. Ist das ein Back-to-the-Roots? Was steckt dahinter?

Cascaro: (holt tief Luft) Na ja, das ist mal ein klassisches Klaviertrio. Ziel war, ein weitgehend akustisches Album zu machen, damit die Stimme mehr Platz findet. Mit Gitarre oder E-Bass würde es gleich wieder fetter werden. Da ist die Dynamik dann höher, da muss der Gesang massiver einsteigen. Das wollte ich diesmal einfach nicht.

BZ: Musikalisch sind Sie ähnlich aufgestellt wie Nils Landgren. Der Schwede spielt ein Blasinstrument, singt und unterrichtet an Hochschulen. Sind die Parallelen zufällig oder verbindet Sie mehr?

Cascaro: Ich kenne Nils Landgren natürlich. Für Musiker, die in der Szene erfolgreich sind oder sein wollen, gilt grundsätzlich, dass Sie einigermaßen vielseitig sein müssen, dass sie spielen können, komponieren, gute Entertainer sind, unterrichten. Viele Leute, die ich kenne, verfolgen ein bisschen das Prinzip eines gut gehenden Gemischtwarenladens.

BZ: Spiegelt die Vielfalt die Basis, die es braucht, um als Jazzer heute wirtschaftlich existieren zu können?

Cascaro: Auf jeden Fall ist es nicht verkehrt, wenn man in verschiedene Richtungen arbeiten kann – auch in solche, die nichts mit Jazz zu tun haben. Dazu kommt, dass die Jazzszene heterogen ist. Da gibt’s viel Klein-klein und noch viel Nachholbedarf, zum Beispiel beim Buchen der nationalen Künstler.

BZ: Hatten Sie auch Vorbilder?

Cascaro: Hätte ich nicht so früh Ella Fitzgerald gehört, wäre die Initialzündung nicht so früh gekommen. Danach kamen alle, die es gab – Nat King Cole, Frank Sinatra, Marvin Gaye, Chaka Khan, Aretha Franklin, Mahalia Jackson. Vor allem bei den beiden sprang der Funke über.

BZ: Als Initialzünderinnen und Funkenträgerinnen nennen Sie Frauen. Tatsächlich ist Jazzgesang bis heute eine weibliche Domäne. Haben Sie eine Erklärung?

Cascaro: Keine Ahnung. Es ist aber tatsächlich so, dass die meisten Studierenden im Jazzgesang Studentinnen sind, in meinen Klassen bis zu 90 Prozent. Vielleicht hat das damit zu tun, dass das Instrument Stimme eine gewisse Empathie und Körperwahrnehmung braucht und Frauen sind da vielleicht besser. Aber das ist nur eine Vermutung.

BZ: Sie haben eben schon Probleme der Jazzszene angetippt. Jazz wird auch immer mal wieder ganz totgesagt. Wie sehen Sie die Zukunft des Genres?

"Die Verwertung in den

Streamingdiensten bricht

uns Musikern das Genick."

Cascaro: Deutscher Jazz hat es schwer. Hier wird viel zu wenig für die eigenen Künstler gemacht – gerade auch im Vergleich mit dem hochsubventionierten Klassikbetrieb. Dazu kommt, dass große auf Verkaufszahlen fixierte Festivals inzwischen zweifelhafte Bands einladen, statt der durchaus vorhandenen guten deutschen Künstler. Wenn die Entwicklung anhält, bekommen wir ein Problem.

BZ: Welche Rolle spielt die Entwicklung des Musikbusiness’? CDs sind doch gar kein Geschäft mehr.

Cascaro: Interessant finde ich, dass die CD-Verkäufe stark zurückgehen, der Verkauf von klassischen Vinylplatten aber enorm zulegt. Auch hier läuft es auf einen Gemischtwarenladen hinaus. Katastrophal finde ich nach wie vor die Verwertung in den Streamingdiensten. Die Einnahmen sind für uns Musiker minimal. Da kann man nichts damit anfangen und keineswegs davon leben. Das ist für die Verbraucher hochattraktiv, bricht uns Musikern auf lange Sicht aber das Genick, weil es uns zwingt, noch mehr live zu arbeiten, noch mehr Konzerte zu spielen, größere Tourneen zu machen. Da wäre eine strukturierte Förderpolitik und Kriterien, was wie gefördert wird, sehr hilfreich.

BZ: Sie treten jetzt erstmals beim Stimmen-Festival auf. Was sagt Ihnen dieses?

Cascaro: Ich weiß, dass das Festival hochklassig besetzt ist und mir gefällt, dass das Programm sehr eigenständig ist, sich nicht an den Mainstream anbiedert, sondern eine eigene Idee hat, und ein sehr breites Spektrum abbildet. Das ist speziell und auch mal mit was Unerwartetem. Deshalb ist es eine große Freude und Ehre für mich, das Festival zu eröffnen.

BZ: Und das Programm basiert vor allem auf der CD "Love an Blues in the City"?

Cascaro: Das ist der Kern. Dazu kommen unsere Klassiker, die für die Quartettbesetzung aber umarrangiert wurden.

Konzert: Jeff Cascaro mit Ingo Senst (Kontrabass), Roberto Di Gioia (Piano) und Hans Dekker (Drums), Dienstag, 17. April, 20. 30 Uhr, Burghof Lörrach