Es kracht auch mal hardbarockmäßig

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Fr, 30. Mai 2014

Ettenheim

Die New Yorker Gruppe "Rebel" eröffnete in der katholischen Kirche Altdorf den Ettenheimer Musiksommer.

ETTENHEIM-ALTDORF. Hinter fünf Musikern mit dem Gruppennamen "Rebel" würde man am Ehesten Hardrock oder Heavy Metal vermuten – auf jeden Fall etwas Wildes und Lautes. Das Ensemble Rebel aus New York, das am Sonntagabend in der katholischen Kirche Ettenheim-Altdorf das Eröffnungskonzert des diesjährigen Ettenheimer Musiksommers bestritt, revolutioniert nicht den Rock, sondern den Barock. Und das kracht manchmal Hardbarock-mäßig.

Das Ensemble – Cembalo, Cello, zwei Violinen und Matthias Maute an den Flöten – beginnt mit einem Vivaldi-Werk. Vivaldi hat Schwung, es grummelt bei ihm teils kräftig, wie man von den "Vier Jahreszeiten" weiß. In diesem "Concerto da Camera" des Venetiers ist das nicht anders. Aber wie das gespielt ist – das ist doch ziemlich neu und aufregend und ja, auch rüde und wild. Der Tutti-Akkord zum Einstieg knallt regelrecht durch den Kirchenraum. Der Cellist lässt sein Instrument im wilden "Thrash Metal"-Rhythmus knurren, die beiden Violinen flirren. Die Grellheit, die man aus manchen Geigenpassagen der "Vier Jahreszeiten" kennt, wird durch die obertonreichen barocken Instrumente noch verstärkt.

Eine musikalische Inszenierung des Barock

Zugleich gibt es unglaubliche Gegensätze: Das Cellogrollen trifft auf einen warmen, weichen Ton der Holzflöte, die in einem wirbelnden Tanz mit Trillern, Schleifen, Glissandi, Juchzern, Rhythmusakzenten um sich wirft. Der erste Satz wird strukturiert durch einen ständigen Wechsel von kraftvollem Tutti und Duo-Passagen von Cello und Flöte. Die Flöte nutzt diese Räume zu virtuosen Läufen, Hüpfern, Sprüngen. Es ist ein grandioser und packender Wirbel, als hätte jemand eine ausgeflippte Tänzertruppe vom Jahrmarkt in den feinen Salon geholt. Dann das Largo, der langsame Mittelteil. Klagende Violinen, ruhig fließende Cembalo-Arpeggien – Cembalist Dongsok Shin schafft es mühelos, dem sphärischen Cembaloklang Weichheit, Seele und warmes Gefühl mitzugeben, bravo. Und dazu diese Flöte. Über die melancholische Grundstimmung hinweg zieht Maute tänzelnde Linien, Unbekümmertheit, Naturstimmung, Vogelzwitschern. Es ist toll, wie die beiden Stimmungen zusammenwirken zu heiter-gelöster Melancholie.

Nach diesem aufrüttelnd-aufregenden Einstieg macht sich das Ensemble an eine aus Kammermusikwerken zusammengestellte Minioper, ausgehend von einem Klangstückchen des Italieners Biagio Marini über das Volkslied "La Monica". Marini hat hundert Jahre vor Vivaldi gelebt, und es steckt noch viel Renaissancefeeling in seiner Musik. Die Monica, um die es hier geht, ist reichlich lebenslustig, soll aber ins Kloster. Ausgeziert wird dieser Plot durch kleine Werkchen anderer Komponisten aus jener Zeit. Es geht dem Ensemble Rebel um etwas sehr Barocktypisches: das Illustrieren. Da wird zunächst die flotte Monica dargestellt, in einem Liedlein mit trotzigen Strophen und frechem Refrain, bei dem das Tempo auch mal unvermittelt verdreifacht wird.

Wenn die Violinen Herz zerreißend klagen

Dann klagen die Violinen Herz zerreißend, weil dem fröhlichen Leben nun Klostermauern Einhalt gebieten sollen. Geige eins – Jörg-Michael Schwarz – setzt zum Greinen an. Als er absetzt übernimmt Karen Marie Marmer an Geige zwei das Klagelied. Tragisch tropfende Cembalotöne überhöhen das alles. Das Cello von John Moran gibt ein immerzu kreisendes, dunkles Motiv dazu. Doch der Tanzwirbel ist nicht aufzuhalten. Bevor es in die Abgeschiedenheit der Klosterzelle geht, lässt Monica nochmals "die Sau raus", um es auf Badisch zu sagen. Der Tanzwirbel, den das Ensemble entfacht, ist mehr als nur mitreißend, und nicht minder die Virtuosität, die Maute an der Flöte mit seinen Mitmusiker zeigt. Danach ist ein wunderbar gespieltes, erfindungs- und melodienreiches Telemann-Quartett geradezu Erholung mit "normaler" Musik.

In Teil zwei des Konzerts zeigt das Ensemble seine gefühlvolle Seite, ohne dass es weniger virtuos würde. Besonders interessant ist eine Sonate des Briten William Boyce, sehr empfindsam, mit einem superschönen, weit ausgesungenen langsamen Mittelteil. Ein Ensemble von solcher Klasse und solchem Ruf ist nicht alle Tage zu haben. Seinetwegen wurde das erste Musiksommerkonzert ein bisschen vorgezogen. Es hat sich definitiv gelohnt.