Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

06. März 2010

"Es liegt nicht so sehr an der Musik"

BZ-INTERVIEW mit dem Kulturwissenschaftler Martin Tröndle über seine These vom Aussterben des klassischen Konzertpublikums.

  1. Unterschiedliche Konzertrituale, unterschiedliche Generationen: Klassikkonzerte Foto: ddp

  2. Unterschiedliche Konzertrituale, unterschiedliche Generationen: Popkonzerte Foto: fotolia.com/G.Light 

  3. Martin Tröndle Foto: Zeppelin Universität

"Silbersee" – die gängige Metapher für das ergraute Klassikpublikum. Der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle von der Zeppelin-Universität Friedrichshafen prophezeit in einer Studie (siehe Kasten) dem Opern- und Konzertbetrieb das Aussterben des Publikums in den kommenden Jahrzehnten. Alexander Dick fragte nach.

BZ: Herr Tröndle, wann sind Sie zuletzt in der Oper oder im Konzert gewesen?
Martin Tröndle: Vor zwei Wochen, bei einem Konzert von Spark, einer klassischen Band. Das war in der Yellow Lounge in Berlin, einer Konzertreihe, die die Deutsche Grammophon für ein jüngeres Publikum ins Leben gerufen hat. Mit anderen Konzertritualen – späterem Beginn und einer anderen Veranstaltungsform. Die Besucher sitzen ganz nah an den Musikern dran und sind in der Regel zwischen 20 und 45 Jahren alt, also Personen, die normalerweise kaum in ein Klassikkonzert gehen würden, aber von diesem speziellen Format angesprochen werden.

BZ: Womit wir bei einer Ihrer Grundthesen wären: "Wir müssen das Konzert verändern, wenn wir es erhalten wollen." Weil ein jüngeres Publikum mit der seit dem 19. Jahrhundert bestehenden – bürgerlichen – Konzertform nichts mehr anfangen kann?

Werbung

Tröndle: Das ist wohl zu größten Teilen so. Sehen Sie, wie erfolgreich die Klassik teilweise im Netz vermarktet wird – denken Sie an den Versuch des BBC Symphony Orchestra, Beethoven-Sinfonien zum Downloaden freizugeben, das war ein unglaublicher Erfolg. Konzerte wurden lange Zeit von einer bürgerlichen Schicht getragen, die diesen Ort auch als sozialen Ort wahrnahm. Dieser Ort des bürgerlichen Selbstverständnisses hat sich immer mehr aufgelöst. Das Konzert ist heute weniger wegen der Musik sondern wegen der Art und Weise, wie und in welchem sozialen Rahmen sie aufgeführt wird, unattraktiv geworden.

BZ: Ist das Konsequenz des Aussterbens des klassischen Bildungsbürgertums?
Tröndle: Die Gründe für den Attraktivitätsverlust des klassischen Konzerts sind vielfältig. Ich würde die Schuld gar nicht so sehr dem Publikum geben, sondern das Konzert von seiner vielfältigen Erfolgsgeschichte seit Dietrich Buxtehude betrachten. Die währte bis etwa 1910 mit immer wieder neuen Entwicklungen und Veränderungen. Was wir heute Konzert nennen, ist nur eine Konzertvariation von vielen, die ab diesem Zeitpunkt sozusagen eingefroren wurde. Ab den 1980er Jahren bricht diese Erfolgsgeschichte scheinbar vollkommen zusammen. Klassische Musik ist nicht mehr sozialisationsrelevant für Jugendliche. Und, was wir bei der Auswertung der verschiedenen Studien gesehen haben: Es ist falsch zu glauben, dass man auf den Geschmack der Klassik erst im Alter käme. Die musikalische Sozialisation findet zwischen dem 14. und 25. Lebensjahr statt, und wenn die Leute in diesem Zeitraum mit einer bestimmten Art von Musik sozialisiert sind, bleiben sie diesem Geschmack auch treu. Sie sehen das heute bei den Ärzten, die 60 sind, sich am Wochenende die Lederjacke überwerfen und ins Rolling-Stones-Konzert gehen.

BZ: Woran liegt das?
Tröndle: Die Pop- und Rockmusik war seit den 1960ern das Identifikationsforum für Jugendliche. Dieselbe Funktion der sozialen und ästhetischen Wertbildung hatte die Klassik im 19. Jahrhundert. Und die hat sie eingebüßt. Die These ist: Die Konzertsäle und Opernhäuser des späten 19. Jahrhunderts in ihrem Habitus und ihrer Repräsentationsfunktion sind für jüngere Menschen nicht mehr interessant. Es liegt gar nicht so sehr an der Musik.

BZ: Letzteres aber bedeutete, dass es doch möglich sein müsste, allein über die Qualität der Musik anders sozialisierte Hörerschichten an Klassik heranzuführen?
Tröndle: Das ist teilweise richtig. Ein großer Teil des Publikums wird nicht mehr für die Klassik zu begeistern sein. Was aber die Studie sehr schön zeigt: Zwischen zwei und drei Prozent der Befragten gehen in Klassikkonzerte, zirka 20 Prozent geben aber an, Klassik-affin zu sein. Wenn man die als tatsächliche Nutzer gewinnen könnte, wären sämtliche Probleme behoben im Klassikbereich.

BZ: Die Orchester und Theater haben diese Problematik großteils erkannt und suchen mit sogenannten Education-Projekten entgegenzuwirken. Der richtige Weg?
Tröndle: Nein. Denn man setzt hauptsächlich auf die Idee einer pädagogisch sozialisierenden Kinder- und Jugendarbeit. Das heißt, das Konzert bleibt, wie es ist, und man verändert das Publikum. Ich vertrete den entgegengesetzten Ansatz: Wir müssen nicht unsere Kunden verändern sondern unser Produkt. Ich plädiere für eine plurale Konzertlandschaft.

BZ: Können Sie das anhand eines Beispiels verdeutlichen?
Tröndle: Lassen Sie mich anders antworten: Das Problem liegt gar nicht so sehr an den Institutionen sondern an den öffentlichen Zuwendungen. Zirka 95–99 Prozent der verausgabten Mittel fließen in den Bereich der institutionellen Förderung. Nur ein bis zwei Prozent fließt in die Entwicklung anderer Formate, Dramaturgien, Ausgestaltungen. Das heißt freien Ensembles wie Freiburger Barockorchester oder ensemble recherche, die an alternativen Formaten arbeiten, fehlen die Mittel, weil die Zuwendung staatlich monopolisiert ist und nur einem Konzerttypus gelten.

BZ: Nun haben wir aber in Deutschland eine einzigartig vielfältige, gewachsene Theaterlandschaft. Gilt es die nicht zu schützen, wenn man sich nicht auf einen "Kulturdarwinismus" einlassen will, demnach nur der Stärkere noch überlebt?
Tröndle: Ein "Kulturdarwinismus" wäre schrecklich. Es darf aber auch keinen Denkmalschutz für einen lebenden Organismus wie ein Orchester geben.

BZ: Will das Publikum, das gegenwärtig ins Konzert geht, den Wandel, den Sie für jüngere postulieren? Oder sind das nicht ganz konträre Interessen?
Tröndle: Das ist größtenteils richtig. Aber die Frage ist doch: Was haben wir in 30 Jahren noch? Deshalb gilt es zu fragen, wie kann man für ein zukünftiges Publikum Relevanz erschließen? Denn die Musik ist großartig und ein reiches Kulturgut, das Grund genug, dass wir sie erhalten sollten.

Die Konzert-Studie

Martin Tröndles (Jahrgang 1971) Studie zufolge wird das Klassik-Publikum in den nächsten 30 Jahren um mehr als ein Drittel zurückgehen. Sein Durchschnittsalter ist mit elf Jahren in den vergangenen 20 Jahren dreimal so schnell angestiegen wie das Durchschnittsalter der Bevölkerung (rund 3,4 Jahre). Das große Problem der Konzert- und Opernhäuser sei der mangelnde Nachwuchs in jüngeren Altersgruppen. Tröndle wirft der öffentlichen Kulturförderung vor, nur ein Prozent der Gelder für die Musikförderung (insgesamt mehr als zwei Milliarden Euro) für Innovationen auszugeben. Tröndle Lösungsansatz: Keine "Eventisierung", sondern "die Kunstform Konzert als ästhetisch-soziale Präsentationsform zeitgemäß weiterzuentwickeln, um der Musealisierung des Konzerts und der steten Veralterung des Publikums entgegenzuwirken".

Martin Tröndle (Hg.): Das Konzert. Neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form. Transcript-Verlag, Bielefeld 2009. 336 Seiten, 29,80 Euro.
 

Autor: BZ/dpa

Autor: adi