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16. Februar 2010 15:44 Uhr

Brasilianische Austauschschüler am Faust-Gymnasium

Zwischen Kuckucksuhr und Weißwurst

Der Temperaturunterschied beträgt aktuell rund 40 Grad Celsius zwischen ihrer Heimat Brasilien und Deutschland. Statt Sommer, Sonne, Strand genießen die acht Austauschschüler vom Faust-Gymnasium Staufen Schnee ohne Ende. So viel wie kaum eine der 28 Gruppen vor ihnen.

  1. Acht brasilianische Austauschschüler erleben Deutschland. Roger Hochscheidt (rechts) vom Faust-Gymnasium Staufen und Begleitlehrer Nelson Jandrey aus Brasilien (Mitte) bieten ihnen Vieles Foto: Sabine Model

STAUFEN (mod). Für manche war es der erste Kontakt mit den kalten, weißen Kristallen, andere kannten sie aus Bariloche, dem argentinischen Wintersportgebiet. In Deutschland sind sie freilich alle zum ersten Mal. Seit sechs Wochen lernen sie Kultur und Küche kennen.

Als sie Anfang Januar landeten, waren sie zunächst mal auf ihr Schul-Deutsch angewiesen, das sie mittlerweile deutlich verbessert haben. Denn Begleitlehrer Nelson Jandrey ermutigt permanent, die Sprache zu sprechen. Einige der Gastfamilien in Staufen, Ehrenkirchen und Eschbach sind mit fünf und sechs Kindern auffallend groß. Keiner der Brasilianer hat mehr als zwei Geschwister. "Hier bekommen alle Kindergeld", hat Henrique von seiner deutschen Mutter erfahren. In Brasilien gibt es nur für die nachweislich Armen und Arbeitslosen zehn Euro pro Kind und Monat sowie einen kleinen Zuschuss für Gas und Lehrmittel.

Auch wenn die Gastfamilien jeden Wunsch erfüllen und die Aufnahme allenthalben freundlich war, hält Paulo das Schulsystem für nicht sehr gut organisiert. Viel zu viele Pausen und Ferientage beeinträchtigen die Konzentration und das effiziente Lernen, findet er. Sich immer wieder Hineinfinden, koste viel Zeit. In Brasilien sind im Sommer bis zu acht und im Winter zwei Wochen frei. Feiertage gibt es maximal sechs. Das Gesetz verlangt 200 Schultage im Jahr. Der deutsche Austauschorganisator Roger Hochscheidt muss einräumen, dass man in Deutschland auf nur rund 180 Stunden kommt.

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Unterbrochen wird der Unterricht in Brasilien im Wesentlichen durch die üppige Mittagspause von fast zwei Stunden. Die lässt sich keiner nehmen. Da kommt die Familie zusammen. Zu Hause oder in einem Restaurant. Ganztagesschulen sind kein Thema. Keine Frage, dass es da gewöhnungsbedürftig erscheint, wenn bei den Deutschen teilweise erst um 16 Uhr eine warme Mahlzeit auf den Tisch kommt. Aber das Essen ist gut, räumt Bruno ein. Ein bisschen wenig Rindfleisch und kein Spießbraten. Dafür aber viele unterschiedliche Gewürze sowie eine beeindruckende Vielfalt an Käse-, Wurst- und Brotsorten. Auch die Weißwürste mit Brezeln und süßem Senf, die man in München probierte, könnte man in der Heimat einführen. Vermisst wird indes das süßliche, koffeinhaltige Getränk Guaraná. "Aber Mezzo-Mix ist auch okay", war zu hören. Dafür sind hier Fruchtjoghurt und Nutella besser und billiger. Alles geht eben nicht.

Leticia fand Paris wunderbar, aber man musste sich am Eiffelturm und L‘Arc de Triomphe die Aussicht durch das Steigen vieler Stufen erarbeiten. In Berlin war viel über deutsche Geschichte zu lernen. Carolina war von München begeistert, fand Neuschwanstein traumhaft. Aber auch das Berner Oberland präsentierte sich von seiner besten Seite: Sonne, Schnee und ein unvergleichliches Panorama.

Unbekannt war den 15- bis 17-Jährigen das deutsche Zugsystem. Ana Paula hatte mit den anderen Mädchen ein ultimatives Erlebnis. Auf der Rückfahrt von Freiburg verpassten sie den Ausstieg und landeten in Basel. Der Schaffner ließ sich von den brasilianischen Tränen erweichen. Roberto findet die Schülerregiokarte zwar super, die Bahn als solche aber nicht besonders komfortabel. Allerdings brauche man in Deutschland in vollen Bahnen und Bussen keine Angst vor Überfällen zu haben, hielt er zugute.

Die Austausch-Erfahrung möchte Rômulo nicht missen. Er will nach der Schule im Ausland studieren und würde Deutschland bevorzugen. "Die Deutschen sind sehr freundlich und machen im Tourismus einen guten Job", lobt er. Erinnerungen nehmen die acht eine Menge aus den sieben Wochen mit. Auch im Gepäck. Kuckucksuhren, Bierkrüge und ein spezieller französischer Ton-Kochtopf wechseln am kommenden Freitag den Kontinent. Henrique hat sogar einen neuen Koffer erworben, damit alles hineinpasst.

Autor: mod