Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
08. Februar 2010
Starlight-Express in der bebenden Halle
Das 47. Narrenspiel der Hoorig-Narrengesellschaft versetzt das närrische Publikum wieder in Verzückung / Motto: Es war einmal
ETTENHEIM. Wenn das Narrenspiel der Narrengesellschaft Hoorig auf der Bühne tobt, dann bebt die Stadthalle. Jahr für Jahr. Bei der 47. Auflage des bunten Treibens in Wort, Bild und Tanz am Freitag und Samstag stieß die "bebende Halle" indes in ganz neue Dimensionen vor. Nach dem Vorbild des Starlight-Express versetzten die sich graziös auf Rollschuhen bewegenden neun barocken Körper der Babelotten das Bühnenparkett in exorbitante Schwingungen. Zugleich schien die ehrwürdige Halle in ihren Grundfesten erschüttert – dank der Babelotten-Bahn und tosendem Applaus drunten im Saal.
Was für ein Auftakt in den zweiten Teil des närrischen Treibens der Hoorige! Die neun Grazien hat sich in ihrer Choreografie und mit dem Ergebnis aus ihren Schneiderwerkstätten einmal mehr selbst übertroffen. In Reminiszenz an die ehemalige Dampfeisenbahn, die zwischen dem Münstertal und Orschweier verkehrte, wurde Waggon auf Waggon, im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert durch eine Babelotten-Grazie, an die Dampflok angehängt. Da ächzte nicht nur das Bühnenparkett unter der gewichtigen Last des Liners. Gut unterrichteten Quellen zufolge soll dem einen oder anderen Rollschuh per Schweißtechnik für den Auftritt auch mehr Stabilität verliehen worden sein.Werbung
"Es war einmal" – dieses Motto hatte sich die Narrengesellschaft für das Narrenspiel vorgegeben. Das Moderatoren-Trio Konstantin und Daniel Frey und Rainer Kopp nahmen denn auch, gestützt von einem Bühnenbild, das das "Volk der Ättener" im Saal in ein mittelalterliche Barockstädtchen Ettenheim zurückversetzte, die gesamte Narrengesellschaft mit auf eine Zeitreise durch die Jahrhunderte. In eine Zeit, als die Wikinger noch Rhein und Ettenbach flußaufwärts segelten – dargestellt vom Narresome in der Choreografie "Wickie und die starken Männer" von Christine Jäger und Andrea Krieg – oder als wilde Horden von Affen und Elefanten den Dschungel beherrschten – eine Tanzchoreografie von Christina Keifel und Kathrin Kirnberger für die Teenies zu Melodien des Musicals Tarzan.
Bei so viel Wirbel auf der Bühne, hatte es das schwäbelnde Kräuter-Wiibli Margitt Geitz reichlich schwer, sich Gehör im Saal für einen "gandenlos frischen" Wochenmarkt auf dem "bucklig-schiefen Rathausplatz" zu verschaffen. "Stell’ dir vor, es isch Markt, und keiner ganget hi," malte die nimmermüde in der Bütt für den Markt Werbende ihren Schrecken an die Wand. War ihr Abschiedsschmankerl "am nächsten Freitag geb’ ich für jeden Kunden einen aus" nur ein Fasentsscherz?
Eine Lehrstunde für den Abgesandten von König Dietmar zu Mahlberg wurde die Audienz von König Bruno I. (alias Zunftboss Gerd Dietrich), in Szene gesetzt vom Narrenrat. Seine hochwohl sitzende Regentschaft führte dem Hospitanten vom streitbaren Nachbarn vor, wie zu Ettenheim mit rebellischen Ortsteilen umgegangen wird. Ob nun Ritter Reinhard zu Ettenheimweiler, Graf Manfred zu Wallburg, die holde Charlotte von Münchweier (dargestellt vom vollbärtigen Bernd Henninger), Herold Bernhard von Ettenheimmünster oder der listige Baisroler Herzog Michael, sie alle huldigten ihrem Herrscher Bruno respektvoll.
Keine Frage, dass so viel Wortwitz und schauspielerisches Talent der Narrenräte nicht eben so vom Himmel fällt, worüber sich die Narrenratsfrauen als Engel wie als Teufel herausgeputzt minutenlang mit spitzer wie mit feinsinniger Zunge in die Wolle bekamen. Eine moderne Version des Grimmschen Märchens von Hänsel und Gretel hatten die Hästräger einstudiert. In der moderne Patchworkfamilie wurden die event- und handysüchtigen halbwüchsigen Nachkommen auf anraten des Schuldnerberaters von den Eltern in einen fernen Ort namens Baisrol (Altdorf) verschleppt, von wo aus die Früchtchen nur dank Ettenheimer Narren den Heimweg wiederfanden. Weil: In Altdorf funktionieren Navis nicht.
Wie jedes Jahr ein Glanzlicht auf der Bühne: Josma und Schorsch Dietrich. In diesem Jahr präsentierte sich das Duo als Tee-Experten. Ob nun der Geburtstagstee für die Feier zum 50. von Bruno Metz, bei der es eine gewisse Frau Mustermann am längsten ausgehalten haben soll ("Von Notar Hans Boskamp wurde notariell bestätigt beim Feste, am längsten säuft die Freie Liste") oder der Sonntagsschändertee für Dietrichs Pfarrerkollegen Schleifer, der an seiner Fichte im Garten an einem Adventssonntag die Axt ansetzte, ein Tee zur Beruhigung servierte der Dietrich Schorsch den städtischen Protagonisten zu jeder Lebenslage.
Bevor das Narrenballett den Schlusspunkt nach vier Stunden Programm mit einem schwungvollen Medley aus zehn Jahren Narrenspiel-Auftritten setzte – zuvor hatten die Ballettmädels schon mit einer Choreografie Bollywood geglänzt – sorgten Thomas Dees und Michel Frey als Moritaten-Duo einmal mehr für den musikalischen und gesanglichen Höhepunkt. Ihr Text- und Gesangsthema in diesem Jahr, angereichert mit Grafiken von Christian Wenzinger: der Gleisneubau.
Apropos Musikalischer Höhepunkt: Die Stadtkapelle unter Leitung von Clemens Enderle verkürzte wie immer Pausen und untermauerte Pointen (Über die Ehrungen werden wir noch berichten).
Autor: Klaus Fischer
