Hautnah – haut ab

Eri Sieberts

Von Eri Sieberts

Di, 29. September 2015

Ettenheim

Performance bei Treiber streift auch das Flüchtlingsthema.

ETTENHEIMMÜNSTER. Erst steht sie ganz still, dann atmet sie tief, pustet, lässt die Wangen vibrieren, stammelt, formt wilde Laute, Buchstaben, Wörter und Satzfetzen. Ihr Mund entlässt Zitate, eigene Texte unterlegt von expressiver Gestik. Christine Kallfaß ist beruflich ebenso schwer zu beschreiben wie auf der Bühne. Sie ist Autorin, Schauspielerin, Regisseurin, Stimmartistin, Pädagogin und improvisiert mit Musikerkollegen am Piano, setzt ihre Stimme und ihren Körper ein. Am Samstagabend hat sie zusammen mit Hartmut Nold am Vibraphon und Thomas Schoch, Trompete und weitere Blasinstrumente, ihr Programm "Park or fly" in der Galerie Linda Treiber aufgeführt.

Das Vibraphon klingt gedämpft, die Schlegel treffen auf Alufolie und Papier. Das Blech summt und gurrt, atmet und fiept. Aus vielen Einzelaktionen ergibt sich Rhythmus, Klänge nähern sich einander an, unterlegt von ausdrucksstarken verbalen Noten, mit denen Christine Kallfaß Regie führt. Sie bestimmt den Dreiklang die Dynamik des Auftritts, auch wenn sie sich zurücknimmt und vor allem mit Thomas Schoch an den Blasinstrumenten korrespondiert. Hartmut Nold am Vibraphon erzeugt sphärische Klänge, Vibrationen und Schallwellen, die sich mit jenen der Mitperformer treffen, überlappen und diese reflektieren.

Während ihres zweistündigen Auftritts folgt Einstudiertes auf Improvisation. Christine Kallfaß zitiert Rilke, Hilde Domin, sie assoziiert Begriffe zu den Klängen des Vibraphons: Nachtwind, Meer, allein am Strand, weit, und macht sich auf, Geschichten zu erzählen, etwa spontane Einfälle zum Künstlerhaus, in dem die Performance gerade stattfindet oder Gedanken zu Flüchtlingen. Derweil gießt Thomas Schoch Wasser in sein Instrument und erzeugt bald knallige und flatternde Töne. Er bläst in ein Stück Staubsaugerrohr, kombiniert es mit der Trompete, dämpft die Töne mit einem Plastikbecher und schafft es immer wieder, den groove mit dem Vibraphon aufzunehmen.

Christine Kallfaß spielt Pianoparts, setzt sich eine Maske auf, turnt durch den Raum, klopft den Rhythmus auf der Wand und spielt mit den Worten: "hautnah", "haut drauf!", "unter die Haut gehen", "haut ab" und begibt sich, wie so viele in diesen Tagen in die Flüchtlingsthematik. Christine Kallfaß hat das Publikum in ihren Bann gezogen, durch ihre außergewöhnliche Performance, mit der sie und ihre Partner Ernsthaftigkeit und Humor zugleich zeigen.