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05. April 2014

Mit Worten gegen Rüstungsexporte

Rüstungsgegner Jürgen Grässlin, ein Jahrzehnt Realschullehrer in Ettenheim, präsentiert im KKW Ergebnisse eigener Recherchen.

  1. Jürgen Grässlin im Ettenheimer KKW-Keller Foto: Erika Sieberts

ETTENHEIM. Die Vorträge von Deutschlands prominentestem Rüstungsgegner, Jürgen Grässlin, der Realschullehrer in Freiburg ist und auch elf Jahre lang in Ettenheim unterrichtet hat, sind geprägt von penibler Recherche und drastischer Offenheit. Dennoch wäre es am Mittwoch im Kulturkeller der Winterschule ziemlich leer gewesen, wenn nicht seine ehemaligen Lehrerkollegen und die Familie einige Plätze besetzt hätte.

Das Fußballspiel Dortmund gegen Madrid mag ein Grund gewesen sein, mutmaßte der Redner. Er zeigte sich dennoch gut gelaunt, obwohl sein Thema Waffenhandel alles andere als fröhlich war.

Wenn er bei seinen biographischen Recherchen in Afrika oder in den Kurdengebieten unterwegs sei, werde ihm oft die Frage gestellt: "Warum macht Ihr das?" Warum produzieren und liefern die Deutschen Waffen, meinten die Angehörigen der Kriegsopfer damit. Jürgen Grässlin kämpft nicht nur im eigenen Land gegen die Waffenproduzenten, und die, die für den Export des Kriegsgeräts verantwortlich sind. Der ausgewiesene Pazifist bereist auch die Welt, um vor Ort zu sehen, was angerichtet wird und um das Leben derjenigen zu dokumentieren, die unter dem Einsatz der Waffen leiden.

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Grässlin stellte zunächst eine rhetorische Frage: Ob es richtig sei, Waffen in einen Staat mit autokratischen Strukturen zu liefern, in dem Menschenrechte nicht geachtet und Hinrichtungen an der Tagesordnung sind? Saudi Arabien sei so ein Land, großer Verbündeter und Wirtschaftspartner Deutschlands. Inzwischen dürften dort sogar deutsche Waffen, etwa das Maschinengewehr G 3 der Firma Heckler und Koch in Lizenz hergestellt werden, sagte Grässlin. Ebenso in Pakistan und Iran.

Kritik an rot-grüner und schwarz-roter Regierung

"Waffenexporte werden ganz undemokratisch im geheim tagenden Sicherheitsrat beschlossen", informierte Grässlin. Wie es dort zugehe, habe er von der SPD-Politikerin Herta Däubler-Gmelin im Gespräch erfahren. Während der rot-grünen Bundesregierung seien Kanzler Schröder und Außenminister Fischer mit vorgefertigten Strategien im Sicherheitsrat aufgetreten. Zu Diskussionen mit den anderen sieben Mitgliedern sei es selten gekommen.

Auch die jetzige schwarz-rote Regierung verhandle auf gleichem Weg und verantworte die größten, jemals getätigten Waffenexporte. Grässlin: "Deutschland ist drittgrößter Rüstungsexporteur weltweit."

Grässlin ließ Zahlen und Fakten hageln, nachzulesen in seinen Veröffentlichungen und in seinem 2013 erschienenen, jüngsten Werk "Schwarzbuch Waffenhandel", mit dem Untertitel "Wie Deutschland am Krieg verdient". Grässlin hält den Politikern nackte Zahlen vor, von Toten, für die seiner Auffassung nach die Politiker persönlich verantwortlich sind.

Dabei seien Gewehre die mit Abstand tödlichsten Waffen. 63 Prozent aller Kriegstoten gehen laut Grässlin auf den Gebrauch von Kleinwaffen zurück. Größter Produzent sei die Firma Heckler und Koch in Oberndorf, Kreis Rottweil. "Heckler und Koch ist das tödlichste Unternehmen in Europa", behauptet Grässlin. "Es hat nachweislich mehr als zwei Millionen Tote auf seiner Rechnung."

Neben den großen Waffenexporteuren EADS oder Thyssen-Krupp gebe es im Südwesten weitere. Die Daimler AG sei einer der größten Hersteller von Militärfahrzeugen in Europa, Heckler und Koch produziere das Maschinengewehr M 3. Aber auch entlang des Bodensees sei eine Kette von Unternehmen angesiedelt, die Waffen produzierten.

Der uns nächste Rüstungsproduzent sei die Firma Litef in Freiburg, die Navigationsgeräte und Elektronik liefere. "Es werden immer wieder neue Waffen gebaut, Atom-U-Boote, Kampfdrohnen und Waffen, die um die Ecke schießen", sagte Grässlin. Laut Merkel sollten in Zukunft weniger Soldaten, dafür mehr Waffen eingesetzt werden. Obwohl Meinungsumfragen zufolge 78 Prozent der Deutschen gegen Rüstungsexporte sind, würde mehr und mehr Geschäfte damit gemacht.

Der Vortragende machte Zahlen plastisch: "114 Menschen sterben täglich durch Kriegsgerät", sagte er. "Während dieses Vortrags sind sechs Menschen durch Waffengewalt gestorben. Wir hätten auch alle 14 Minuten einen Schuss ertönen lassen können."

Jürgen Grässlin: "Schwarzbuch Waffenhandel. Wie Deutschland am Krieg verdient", Heyne Verlag, 14,99 Euro.

Informationen und Aktivitäten Jürgen Grässlins zum Thema Waffenexporte im Internet: http://www.rib-ev.de oder http://www.aufschrei-waffenhandel.de

Autor: Erika Sieberts