Sensationeller Fund im Fürstenfeld

Klaus Fischer

Von Klaus Fischer

Mi, 06. Februar 2013

Ettenheim

Archäologen entdecken zwei Grabstätten aus dem dritten Jahrtausend vor Christus / Drei Skelette noch gut erhalten.

ETTENHEIM. Bei Ausgrabungen im neuen Baugebiet Fürstenfeld-West sind Archäologen auf Gräber mit vollständig erhaltenen Skeletten gestoßen. Nach den Grabbeilagen zu urteilen stammen die Skelette aus der Glockenbecherzeit (2500 bis 2200 vor Christus) – sind also gut 4500 Jahre alt. Die Ausgrabungsleiterin Jutta Klug-Treppe vom Landesdenkmalamt im Freiburger Regierungspräsidium sprach gestern Morgen vor Medienvertretern von einem "sensationellen Fund".

Am 21. und 22. Januar waren die Freiburger Archäologen auf die beiden Grabstätten im südöstlichen Zipfel im neuen Baugebiet gestoßen. "Zufall und Glück waren auch mit im Spiel", erklärte Grabungstechniker Diethard Tschocke. Weil Freiburger Denkmalschützer schon bei der ersten Erschließung im Baugebiet auf Fundstücke aus der Keltenzeit (1000 bis 600 vor Christus) gestoßen waren – unter anderem ein Bronzemesser und eine Bronzepfeilspitze sowie Keramikscherben –, galt der Bereich zwischen der bereits bestehenden Bebauung und der B 3, also der Erweiterungsbereich in dem Baugebiet, als archäologisch besonders interessant. Deshalb erklärte das Landesdenkmalamt im Sommer des vergangenen Jahres die Erweiterungsfläche für geschützt, die bereits beschlossene Erschließung durch einen Erschließungsträger wurde im Herbst erst einmal gestoppt. Zurecht, wie sich nach ersten Bodenuntersuchungen von Diethard Tschocke nahe dem Kreisverkehr am Westeingang der Stadt erwies: Im nördlichen Bereich des Areals – nördlich der geplanten Verlängerung der Straßburger Straße (siehe Lageplan) – wurden im November bei sogenannten Baggersondaten weitere Keramikscherben und Pfeilspitzen gefunden. Dort vermuten die Archäologen inzwischen eine Siedlung. Der Bereich soll in der zweiten Jahreshälfte näher untersucht werden.

Den "sensationellen Fund" (Klug-Treppe) machten die Archäologen vor wenigen Tagen dann aber im Südostzipfel des neuen Baugebiets. Unter Anleitung des erfahrenen Grabungstechnikers Diethard Tschocke wurden entlang der geplanten Erschließungsstraßen mit dem Bagger in Tiefen von einem halben bis einem Meter Gräben und Furchen gezogen. Am 21. Januar war das Team um Tschocke zunächst auf ein Einzelgrab gestoßen. "An der dunkleren Färbung des Lehmbodens kann der erfahrene Grabungstechniker erkennen, ob sich an dieser Stelle womöglich eine Grabstätte befindet", erklärt Tschocke seine Entdeckertour.

Freigelegt wurde in Handarbeit und bei klirrender Kälte (Tschocke: "Wir haben die Grabstätte mit einem Zelt geschützt") ein Skelett in Hockhaltung. In der Fachwelt wird die Lage des Skeletts auch als Embryohaltung bezeichnet. Bei den Ausgrabungsarbeiten wurde vermutlich mit der Baggerschaufel der Schädel leicht beschädigt. Tags darauf stieß das Ausgrabungsteam in unmittelbarer Nachbarschaft dann auf ein weiteres Grab mit zwei Skeletten. Die beiden Personen, vermutlich ein Mann und eine Frau, wurden ebenfalls in Hockhaltung und eng beieinander beigesetzt. Alle drei Skelette waren gut erhalten. Einer der Bestatteten müsse ein Bogenschütze gewesen sein, erklärte Jutta Klug-Treppe.

Zusammen mit dem noch gut erhaltenen Skelett wurde eine Armschutzplatte freigelegt, die vom Bogenschützen getragen wurde, um seinen Unterarm vor der Bogensehne zu schützen. Eine weitere Grabbeigabe war eine Pfeilspitze aus Silex (Silikatgestein) und Keramikbecher, die sich eindeutig der Glockenbecherzeit – also der Zeit 2500 bis 2200 vor Christus – zuordnen ließen, so Klug-Treppe.

Wie sehr Glück und Zufall bei den beiden Funden Pate standen, erläuterte Diethard Tschocke am Rande der Pressekonferenz. Bei Ausgrabungen in Wyhl am Kaiserstuhl seien ebenfalls auf Verdacht mit dem Bagger Furchen im Erdreich gezogen worden – ohne Ergebnis. Daraufhin hätten Archäologiestudenten zu Übungszwecken in unmittelbarer Nachbarschaft "ein bisschen gebuddelt" (Tschocke) und dabei eine Grabstätte entdeckt. Tschocke: "Nicht mehr als 30 Zentimeter neben der Baggersondate".

Die Skelette aus Ettenheim sind inzwischen in einem Speziallabor in Konstanz angekommen und werden dort von Anthropologen untersucht. Die Fachleute können durch Untersuchung der Knochen Rückschlüsse auf das Alter, auf Ernährungsgewohnheiten und das persönliche Umfeld ziehen. Klug-Treppe: "Die Funde sind für uns wie ein Guckloch in die Vergangenheit". Von großem Interesse für die Archäologen sind die Funde unter anderem auch deshalb, weil "es in Südbaden die ersten Funde von Glockenbecherleuten nördlich des Kaiserstuhls sind" (Klug-Treppe). Die Untersuchungsergebnisse würden dann Hinweise auf Siedlungen und Wanderbewegungen geben. "Für die Forschung birgt der Fund in Ettenheim eine kleine Schatzkammer an Informationen", schwärmt die Ausgrabungsleiterin.