Wenn das Fallbeil herniedersaust

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Do, 24. Mai 2018

Ettenheim

Dem Motto des diesjährigen Ettenheimer Musiksommers, "Raritäten", wurde das Abschlusskonzert in besonderer Weise gerecht.

ETTENHEIM. Dem diesjährigen Motto "Raritäten" wurde das letzte Konzert des Ettenheimer Musiksommers auf besondere Weise gerecht. Nicht nur spielten Aline Zylberajch und Martin Gester unter anderem ein selten gehörtes Stück des böhmischen Komponisten Jan Ladislav Dussek, sondern dieses und alle anderen Stücke des gut zweistündigen Konzerts mit "Raritäten der Klassik für vier Hände" erklangen auf einem historischen Hammerflügel.

Das 1813 gebaute und vom anwesenden Staufener Klavierbauer Christoph Kern restaurierte Instrument ist nicht nur besonders schön ausgestattet und verfügt über einen ausgezeichneten Klang, sondern hat darüber hinaus auch noch die für diese Zeit typischen Spezialeffekte zur Verfügung, die die beiden ausgewiesenen Experten für historisch informierte Aufführungspraxis offensichtlich genussvoll präsentierten.

Das Programm überspannte einen Zeitraum von etwa 40 Jahren, die spannende Phase des Übergangs der Klassik in die Romantik und damit die Bauzeit des Instruments. Schon die Zusammenstellung, die Konzertdramaturgie, verriet den nicht nur technisch überzeugenden, sondern auch theoretisch fundierten Zugang der beiden Klaviervirtuosen, die zudem als wirklich eingespieltes Team agierten.

Da klingt Mozarts "Sonate C-Dur zu vier Händen" so leicht, die Verzierungen so locker, die Läufe so perlend, dass das Stück noch in Beethovens – in der Grundstimmung ebenso heiteren – Waldstein-Variationen nachzuhallen schein. Die witzigen Überraschungseffekte, die Beethoven hier bis zum Schluss voll auskostet, werden regelrecht zelebriert mit gekonnten Verzögerungen und dem Einsatz der technischen Möglichkeiten des Instruments, das vor allem in den leisen Passagen vollends für sich einnimmt.

Für Dusseks "La Mort de Marie Antoinette", einer kurz nach der Enthauptung der französischen Königin komponierten Würdigung der früheren Gönnerin, übernimmt Aline Zylberajch die Rolle der Sprecherin, Martin Gester interpretiert die komponierten Gefühle dieser frühen Programmmusik. Beginnend mit einem getragenen Largo wird der Weg der Verurteilten emotional nachgezeichnet, Gefühlsaufwallungen brechen sich in harten Akkorden Bahn, auf stilles Gebet folgt abrupt das Fallbeil der Guillotine, musikalisch illustriert durch den Janitscharenzug des Hammerflügels. Eine untypische Verwendung dieses Perkussions-Instruments, bei dem man sich wundert, wie die Mechanik in dem zierlichen Flügel untergebracht werden konnte.

Franz Schubert bedient sich des gleichzeitig Pauken, Becken und Schellen imitierenden Tschinderassabums, das der Hammerflügel bereit hält, in seinem "Ungarischen Divertissement" als temperamentvolle Zutat zu seiner von Volks- und Militärmusik inspirierten Komposition. Große Virtuosität und schöne Präsentation – ein wunderbarer Abschluss für den Ettenheimer Musiksommer.