Wenn der Schulhund zum Klassenkameraden wird

Klaus Schade

Von Klaus Schade

Fr, 08. Juni 2018

Ettenheim

AUF EINEN KAFFEE MIT Alexandra Siegmund, Lehrerin am August-Ruf-Bildungszentrum in Ettenheim.

ETTENHEIM. "Eigentlich hat mich erst Emil auf diese Spur gebracht", sagt Alexandra Siegmund, die mit ihrem Boxer Otto zum Kaffeetrinken mit der BZ gekommen ist. Das Gesprächsthema ergibt sich schnell: Emil und Otto nämlich sind ausgebildete Schulhunde, zwei von schätzungsweise 500 in Deutschland. "Tiergestützte Intervention" – geschwollene Amtssprache. Okay – und was heißt das konkret?

Alexandra Siegmund, Realschullehrerin am August-Ruf-Bildungszentrum in Ettenheim, entdeckte als kleines Mädchen schon ihre Vorliebe für Tiere: Häschen, Katze, ein Hund. Später noch der Jagdhund ihres Vaters Manfred. Für sie war klar: "Wenn ich mal groß bin, werde ich eigene Tiere haben." Inzwischen hat sie ein Pferd und zwei Hunde.

Emil, inzwischen sieben Jahre alt, ist ein goldgestromter reinrassiger Deutscher Boxer aus einer Zucht bei Pforzheim. Als ihn Alexandra eher zufällig mal mit ins Klassenzimmer nahm, stellte sie eine verblüffende Reaktion ihrer Schülerinnen und Schüler fest. "Selbst die größten Rabauken in einer eher schwierigen Klasse verhielten sich plötzlich ganz anders – rücksichtsvoll, aufmerksam", schildert die erfahrene Lehrerin ihr erstes Erlebnis. Bei Beate Ritter, ihrer Schulleiterin, stieß Alexandras verblüffte Schilderung auf fruchtbaren Boden. Die Idee war geboren: Beide, Alexandra Siegmund und Emil, unterzogen sich einer zeitaufwändigen, knapp 100-stündigen Team-Ausbildung zum Schulhund.

Elternbrief, Einverständnis der Eltern: Seither wird Emil gleichsam als Klassenkamerad angesehen. "Die Kinder benehmen sich, als wär’s ihr eigener Hund", berichtet Siegmund. Bei den Lernzeiten nutzen die Schüler den Schulhund einfach auch mal zur Pause, zum Atemholen, zum Aufheitern. Emils Art war von Anfang an hilfreich. Menschenlieb, tierlieb. Dass er als Schulhund von Anfang an so stressresistent war, sei "eher überraschend". In der Schulhundeausbildung sind eher Golden Retriever und Labrador anzutreffen. Andererseits: Aus der Mimik des Boxers sei leicht absehbar, was er mag – und was nicht.

Emil bekommt in Otto ein kleines Brüderchen

"Emil ist ein Pazifist", beschreibt Alexandra Siegmund seinen Charakter – eine Wesensart, die ihr schnell klarmachte: "Emil braucht ein Brüderchen, weil es auch für Hunde zu zweit schöner ist." Dass Emil mit einem Welpen an seiner Seite kein Problem haben würde, wusste sie mit sicherem Instinkt.

Im Boxerclub Lörrach kannte die Lehrerin die Züchterin und Mutter des außergewöhnlich dunkelgestromten Welpen Otto, inzwischen zwei Jahre alt. Auch Otto hat die Ausbildung zum Schulhund mit Bravour absolviert. Die Ausbildung zum Begleithund wird Otto – wie zuvor sein "großer Bruder" – im Herbst ablegen. Wie bei kleinen Geschwistern hat Otto Emil einfach alles nachgemacht – und dessen Freude am Schulbesuch übernommen: egal, ob im Unterricht oder in der inzwischen zusätzlich eingerichteten Hunde-AG, die bei den Schülern heiß begehrt ist. Ob bei der Theorie, was es bei Hundehaltung alles zu bedenken gibt, der in der Praxis.

Emil und Otto freuen sich, wenn Alexandra Siegmund morgens "nach Bauchgefühl" entscheidet, wen sie zu ihren 9. und 10. Klassen mitnimmt. Emil strebt längst zielsicher, auch ohne Leine, das Klassenzimmer an, in dem sein Frauchen unterrichtet. Und Otto, derzeit noch an der Leine, geht brav hinterher.

Man könnte ihr stundenlang zuhören bei der Begeisterung, mit der sie von Emil und Otto, von den Schülern, vom eigenen Erleben erzählt. Eines wird deutlich: Erziehung bei den Hunden ist genauso wichtig wie klare Linien in der Erziehung bei den Kindern.