Wie Vivaldi auf den Tango kam

Stefan Pöhler

Von Stefan Pöhler

Mo, 14. Januar 2013

Ettenheim

Das Trio "Neuklang" begeisterte die Besucher restlos mit eigenwilligen Verknüpfungen.

ETTENHEIM. Irgendwo in der Lagune Venedigs muss Vivaldis Bandoneon ins Wasser gefallen sein. Dasselbe, mit dem Astor Piazzola 300 Jahre später mit dem Tango nuevo eine Kunstform schuf, die nun Mozart, Brahms und Beethoven mit aufs Parkett zieht. Kann man’s glauben? Man musste! Im Ettenheimer Bürgersaal konnte man am Samstag mit dem Berliner Trio Neuklang diese Erfahrung machen.

Das Sonderkonzert der Musikfreunde Ettenheim war tatsächlich besonders. Das zahlreiche Publikum wollte die Künstler bereits kaum in die Pause entlassen. Im Zentrum des Abends: ein atmendes Handzuginstrument. Der Grundfluss der Mondscheinsonate braucht nicht viel Wasser aus dem Rio Plata, um bei Neuklang zu reinstem Tango zu werden. Und schon ist Beethoven "lost" in einem Tango nuevo. Klarinettist Abramson erklärt das so: Wir verlieren uns und wir finden verlorenen Tango, zum Beispiel bei Beethoven. Nicht der "Ah ja, klar"-Effekt ist es, wenn einem aus aus einem lyrischen Moment "Pour elise" entgegenzirpt. Neuklang adaptiert nicht plump, baut nicht irgendwie ein. Nein es ist Tango und es ist Beethoven. Intelligent überraschend und sprühend. Doch Piazzola, von dem das Ensemble auch wunderbare Musik wie Oblivion, Milonga del Angel, Addios Nonino oder seinen Libertango (beim zweiten mal in einer "Bearbeitung der Bearbeitung" von Grace Jones) interpretiert, wäre nicht Piazzola, wenn nicht vieles in den Bauch, in die Beine und beim Ensemble "Neuklang" auf ganz besondere Weise ins Ohr ginge.

In ihrer Besetzung, Klarinette, Akkordeon, Cello – eigener Aussage nach – einzig, erzeugen Jan Jachmann (Akkordeon), Arthur Hornig (Violoncello) und Nikolaj Abramson (Klarinette) einen dynamisch fein gesponnnenen Klangrausch, mit dem sie sich, Tango tanzend, in der Welt der Klassik verlieren. Ihre Werktitel "Lost in Mozart", mit der Kleinen Nachtmusik, oder "Lost in Brahms" mit den Tänzen ausgewanderter "ungarischer Gauchos" sind in dieser Verbindung nicht hypothetisch. Sie klingen hypnotisch. Und flach atmend wird man vom Akkordeon, dem wunderbar körperhaften Cello und der Klarinette von süßer Lyrik in synkopische Schärfe gerissen.

Die Versunkenheit Jachmanns, der sein Instrument wiegt und energischen Ausbrüchen immer mit einem stillen Lächlen voraus war, stand die "Berliner Schnauze" Nikolaj Abramsons als Moderator gegenüber. Er führte aus, wie die Musiker durch Zufall zusammen und durch einen weiteren auf den Tango gekommen waren. Humor gehört als viertes Ensemblemitglied dazu.

Einzig dürfte inzwischen sein, was die drei an technischem und künstlerischem Gewicht aufs Parkett ihrer Milongas bringen. Ein Walzer Schostakowitschs oder der "Barbier von Sevilla". Es war wunderbarer "Neuklang". Sicher nicht nur für Tango-Fans. Das begeisterte Publikum wurde zum Schluss mehrmals belohnt. "Neuklang" illustrierte die Belcanto-Ehe des "Barbier von Sevilla" mit dem Kopfthema aus Beethovens fünfter Symphonie. In Vivaldis "Drei Jahreszeiten" (Arbeitstitel) wehte der Winterwind argentinisches Steppengras auf Venedig zu. Musikalisch zum Tanzen und fast zum Weinen schön. Man könnte meinen, hier ist Piazzolas Bandoneon auf die Reise gegangen. Bravissimo!