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21. Januar 2010
Haiti - zwei Tage voller Sorge um Angehörige
Der Haitianer Claude Roumain lebt seit zwei Jahren in Ettenheimmünster / Als die Erde auf Haiti bebte, kam die Angst um seine Mutter und seine beiden Geschwister.
ETTENHEIM-ETTENHEIMÜNSTER. Das Erdbeben am Dienstag vergangener Woche, 23Uhr MEZ, dauerte nur eine Minute, doch es hat Claude Roumain handkehrum aus einem sorgenfreien Leben gerüttelt. Claude Roumain wurde vor 48 Jahren auf Haiti geboren, seit 1998 lebt er mit seiner deutschen Frau in Deutschland, seit zwei Jahren in Ettenheim. Als er am Mittwochmorgen erste Nachrichten vom Erdbeben in seiner alten Heimat hörte, wusste er seine Mutter und seine beiden Geschwister in Port-Au-Prince, mitten im Epizentrum. Zwei Tage versuchte er an Informationen heranzukommen, dann hatte er Gewissheit: Alle drei hatten überlebt.
"Das war eine ganze schlimme Zeit. Per Telefon oder Handy konnte ich niemanden auf Haiti erreichen. Und die Informationen über das Internet und im Fernsehen ließen meine Sorgen immer größer werden", erzählt der 48-Jährige, der in Tutschfelden als Golflehrer arbeitet und derzeit am Städtischen Gymnasium in Ettenheim mit sechs Stunden Französisch unterrichtet. "Ich habe meine Heimat als 19-Jähriger verlassen und in den Vereinigten Staaten studiert. Bevor ich Golflehrer wurde, habe ich an Schulen in den USA Französisch und Sport unterrichtet," beschreibt Claude Roumain seinen beruflichen Weg.Werbung
Bei einem Besuch in Deutschland hat er seine Frau Vera, eine gebürtige Stuttgarterin, kennen gelernt. Deshalb lebt er seit 1998 in Baden-Württemberg, zunächst in Stuttgart. Weil es das Paar in mehreren Urlauben in den Schwarzwald zog und in Tutschfelden ein Golflehrer gesucht wurde, leben die Roumains heute in Ettenheimmünster. Dort haben sie sich gerade ein Haus gebaut. Auch Roumains Mutter und Geschwister leben seit einigen Jahren nicht mehr in der alten Heimat, sondern in der Provinz Quebec in Kanada. Als die Erde vor einer Woche auf Haiti bebte, waren Mutter Berta – sie hat deutsch-italienische Wurzeln – , Schwester Michelle und Bruder Patrick gerade auf Verwandtschaftsbesuch.
Zwei Tage hat Claude Roumain übers Internet und übers Fernsehen versucht, sich ein authentisches Bild von der Lage in Port-au-Prince zu machen. "Es gab im Internet Foren mit immer neuen Nachrichten und auch Kontakten. Das Haus, in dem meine Mutter während des Aufenthalts wohnte, war zerstört worden. Aber ich hatte Informationen, dass sie nicht im Haus war, als die Erde bebte. Das war schon eine Nachricht, die mich hoffen ließ, dass sie lebt", beschreibt Roumain die Ergebnisse stundenlanger Internetrecherchen, die sich wie ein Mosaik zu einem Bild zusammenfügten. Kurz nach Mitternacht von Freitag auf Samstag vergangener Woche hatte er seine 74-Jährige Mutter dann am Internettelefon. "Wir haben beide vor Freude geweint. Sie hat mir vom Geruch von toten Menschen erzählt, von schreienden Kindern und von knappem Wasser. Aber das Gespräch war nur wenige Minuten lang. Sie hatte die Zusage, dass sie am Dienstag dieser Woche mit einer Militärmaschine zurück nach Kanada ausgeflogen wird", erzählte Claude Roumain am Dienstagabend. Dann ereilte ihn gestern Nachmittag die Nachricht, dass es wenige Kilometer westlich von Port-au-Prince ein schweres Nachbeben gab. Gestern Abend gab es bei ihm das zweite Aufatmen: Mutter Berta und Michelle waren sicher in Quebec angekommen. Bruder Patrick ist indes auf Haiti geblieben. "Er will dort bei der Versorgung der Menschen und beim Wiederaufbau helfen. Und mein Bruder kann das. Der gibt Gas", sagt Claude Roumain.
Die Frage nach der Zukunft seines Heimatlandes, das er zum letzten Mal Mitte der 1990er Jahre besucht hatte, bewegt den Wahl-Ettenheimer jetzt am stärksten. "Jetzt kommt sehr viele Hilfe aus der ganzen Welt. Und mit Hilfe der Amerikaner wird es auch immer besser mit der Verteilung klappen. Aber was kommt danach? Die Hilfe nach der Ersthilfe wird sehr wichtig sein für Haiti, für eine bessere Zukunft", sagt Roumain. In Haiti habe Jahre lang Korruption geherrscht. Die Menschen seien vom Land in die Stadt gezogen, weil sie sich dort Arbeit und und besseres Leben versprachen.
Aber nur wenige hätten es wirklich geschafft. Hunderttausende hätten in primitiven Armenvierteln am Rande der Drei-Millionen-Stadt Port-au-Prince leben müssen – ohne Hoffnung und mit Hunger, schon vor den Beben. "Deshalb gibt es jetzt auch eine Chance für Haiti, mit der Hilfe aus dem Ausland da raus zu kommen", glaubt Roumain. Geld ist seiner Meinung nach aber nur ein Aspekt. "Wir brauchen Geld für den Aufbau, keine Frage. Aber genauso wichtig sind Handwerker, Mechaniker oder Bauern aus Deutschland und anderen Ländern, die uns zeigen, wie wir uns selbst helfen können. Hilfe zur Selbsthilfe, so nennt man das doch hierzulande," sagt er.
Roumain will seine Kontakte in Deutschland, zu Haitianern wie zu Deutschen nutzen, um für diese zweite Hilfsaktion zu werben und Unterstützung zu bekommen. "Ich will Kontakte zu deutschen Hilfsorganisationen und über meinen Bruder auch Kontakte vor Ort herstellen", erklärt er. Und die Hoffnung schwingt dabei mit, dass sein Aufruf und sein Bemühungen auch in seinem neuen Lebensumfeld wahrgenommen und unterstützt werden.
Autor: Klaus Fischer


