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13. Januar 2009
Etwas ist faul im Staate
Volker Lösch inszeniert in Stuttgart Shakespeares "Hamlet"
"Wie macht man das, einen Skandal"? Was Hamlet in der Mausefallen-Szene (die hier "Rattenfalle" heißt) fragt, hat Volker Lösch längst schon beantwortet. Der Stuttgarter Schauspielchef hat mit schwäbischen Hausfrauenchören und leibhaftigen Daimler-Managern schon manches Skandälchen angezettelt. Mal inszeniert er "Woyzeck" als dumpfen Neonazi, mal Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe" als Fleischkäseorgie; zuletzt ließ er in seinem Hamburger "Marat/Sade" Stoßtrupps von Arbeitslosen eine schwarze Liste der reichsten Pfeffersäcke vorlesen. Jetzt zieht Lösch Hamlet buchstäblich in den Dreck: in den knöcheltiefen Matsch von Cary Gaylers Bühne. Und die unterhaltsame Schlammschlacht pflanzt sich bis in den Zuschauerraum fort: Es gibt immer wieder Szenenapplaus für kapitalismuskritische Einlagen, am Ende freilich auch Buhs und empörte Rufe wie "Shakespearemörder" und "Volkshochschule".
Harald Schmidt, neuerdings Mitglied des Stuttgarter Ensembles und auch schon im Rahmen des Saisonmottos "Generation Hamlet" aktiv, war jedenfalls sichtlich angetan von Hamlets gerechtem Privatkrieg gegen die Fäulnis im Staate Deutschland und den spätkapitalistischen Sumpf. "Bereitsein ist alles", Zaudern und Zagen gilt nicht. Till Wonkas furioser Hamlet hadert nicht nur mit den Verhältnissen, sondern auch mit sich und seinen Skrupeln: "Denken schwächt". Allerdings: So brillant wie der Schauspielnovize Wonka tobt und brüllt und, bäuchlings im Schlamm robbend, den Adlerflug zu den Sternen probt, überragt der Hänfling seinen Onkel Claudius selbst physisch; und das, obwohl Sebastian Kowski dem Erzpolitiker seine massige Präsenz und "brutalstmögliche" Skrupellosigkeit leiht. Bei allem Aktionismus bleibt diesem Hamlet der Ausweg der Tat verbaut; manchmal hängt er wie ein weinerliches Mamasöhnchen an den Brüsten seiner Mutter. Gertrud ist in Stuttgart zwar ein Mann, aber Elmar Roloff steckt, wie alle Akteure, in einem fleischfarbenen Adamskostüm mit aufgenähten Geschlechtsteilen.
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Hamlets Amokmarathonlauf auf schwerem Geläuf ist ein schauspielerischer Bravourakt; aber er rennt mit seiner Wut meist offene Türen ein. Wenn er ein Dutzend Sprudelflaschen in den Schlamm rammt, um an ihnen sein Zeitungswissen über Unternehmensver-flechtungen zu demonstrieren, trifft seine Frage "Wer kontrolliert die Kontrolleure?" den Nagel voll auf den Kopf, Shakespeare aber eher in den Bauch: "Der "Sein-oder-Nichtsein"-Monolog kommt ziemlich unvermittelt. Wenn Laertes nach Lausanne, "auf die Business-School", abgehen will, sind ihm die Lacher sicher. Wenn Innenminister Polonius – in Stuttgart ist der Umstandskrämer, wohl aus Symmetriegründen, eine Frau – nach fälschungssicheren Pässen und Demonstrationsverboten ruft, ist das natürlich eine Ohrfeige für Wolfgang Schäuble. Der Geist von Hamlets Vater erscheint als neunfacher Wehrmachtsoffizier und ruft zur Rache gegen einen Usurpator auf, der dreist Merkel-, Oettinger- und Köhler-Reden von Mitte und Maß, Bescheidenheit und Anstand zitiert. Dass Lösch den toten Landesvater in Filbinger-Masken spuken lässt, war vielleicht noch zu erwarten; aber nicht, dass Hamlet ihn vehement verteidigt: "Mein Papa war Nationalsozialist", aber er war ein guter Vater.
Allerdings hätte er den Anfängen wehren sollen. Am Ende kriecht aus dem Schoß der Naziväter-Gespenster nämlich eine Horde von fünfzig gescheitelten Neonazis, entert mit Springerstiefeln und Bomberjacken die Bühne und skandiert wirre Parolen von "Jugend, Europa, Revolution". Ihr Anführer, der junge Fortin-bras, ist der Tatmensch, der die Revolution zu Ende bringt, die Hamlet fahrlässig angezettelt hat: Er erschießt den Schwächling, der sich hilflos am Boden windet.
Der Auftritt von Fortinbras’ norwegischer Wehrsportgruppe ist Schluss- und Höhepunkt einer mitreißenden Überwältigungsdramaturgie von geradezu Riefenstahlscher Wucht. Mit- und weggerissen werden dabei freilich auch große Teile von Shakespeares "Hamlet": Horatio fehlt ganz, Ophelia ist nur des Wahnsinns nette Beute, und Totengräber braucht man auch nicht, um eine Welttragödie in Mineralwasser und Parolen zu ertränken. Dafür gibt es als Zugabe einige Lektionen über Bushs Schweinereien im Krieg gegen den Terror und die Korruptions- und Steueraffären von Siemens-Managern, Utz Claasen und anderen Bossen. In Volker Löschs Agitprop-Theater kracht und knallt es wieder einmal gewaltig. Die Bühne rockt, der Schlamm spritzt, und manchmal fallen sogar faszinierende Bilder ab. Dennoch merkt man immer die Absicht und ist verstimmt: Lösch, mitgefangen in der Rattenfalle des Theaters, sucht mit aller Gewalt und Plattheit den Skandal. Das Beste an diesem furiosen "Hamlet" ist aber nicht das politische Kabarett, sondern es sind die Schauspieler, auf deren Kunststückchen es dem Regisseur eigentlich am wenigsten ankommt.
– Weitere Aufführungen: 16. und 29. Januar, 8., 12., 21., 24. und 27. Februar. Tel. 0711/ 20 20 90
Autor: Martin Halter
