Exzess und Depression

Sarah Nöltner

Von Sarah Nöltner

Mo, 09. Juli 2018

Klassik

Letztes Konzert des Ensemble Aventure vor der Sommerpause.

"Es geht besser besser…" war das Motto des letzten Konzertes des Ensemble Aventure vor der Sommerpause. Doch wohin führt das "besser besser"? Ist eine unendliche Steigerung möglich? In der Elisabeth Schneider Stiftung lautete die Antwort: auf musikalisch höchstem Niveau in den Exzess und in die Depression.

"viscera" (2010) von Mark Barden (Jahrgang 1980) wirkt wie eine in der Introvertiertheit gefangene Expression: der Versuch, etwas Unbestimmtem, massiv nach Außen Drängenden Raum zu geben bei gleichzeitiger Stimmlosigkeit. Im Spiel von Sylvie Altenburger (Viola), Beverley Ellis (Cello) und Johannes Nied (Kontrabass) war unbändiges Drängen erlebbar, ein Suchen nach Ausdrucksmöglichkeiten, das immer wieder in die Stille führte. Wild, suchend, fragil, verzerrt und instabil wirken die Klänge, die einen Weg durch die Stimmlosigkeit fanden.

Das Solowerk für Bassklarinette "stiff upper lip" (2014) von Annesley Black (geboren 1979) spielt mit Glissandi und den dabei entstehenden Klangbrechungen. Die von Andrea Nagy mit dem Ansatz modulierten Glissandi brachen die Töne, dabei traten Frequenzen hervor, glänzten für einen Moment und splitterten durch die mitschwingenden Obertöne in eine angedeutete Mehrstimmigkeit auf.

Das Titelgebende Werk "Es geht besser besser …" von Hannes Seidl (geboren 1977) setzt sich mit dem Schlager auseinander. Mit Es-Klarinette (Nagy), Cello (Ellis), Schlagzeug (Nicholas Reed) und Elektronik (Klangregisseur: Kai Littkopf) wurde die Freiburger Version von 2011 uraufgeführt. Seidl reizt die Bipolarität, die den Schlagern der 50er-Jahre immanent ist: harmlose Texte und Musik, denen der Exzess "geradezu schreiend als virtueller Gegenpart" (Seidl) gegenübersteht. Zwischen Exzess und Depression spannt sich sein Werk.

Teil eins repräsentiert den Exzess, ist geprägt von Unruhe, Klangchaos, Wildheit. Es dominiert eine schier unendliche Steigerung von Tonhöhe, Tempo und elektronischer Verfremdung, ein Ausloten des "wie weit kann man gehen", ein manisch wirkendes Verschieben von Grenzen. Teil zwei ist vordergründig ruhiger. In Loops überlagern sich Klänge, einzelne Töne sind kaum herauszuhören. Alles verschwimmt, führt zu lähmender Verunsicherung. Den Musikern gelang die Darstellung der Pole eindrucksvoll.