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17. Januar 2012 08:27 Uhr
Kongress
Alles außer Pyros – Fußballfans diskutieren in Berlin
Bei einen Fan-Kongress in Berlin wird die Stimmung in einer Szene deutlich, die sich vom offiziellen Fußball offenbar schwer verkannt fühlt – und von den Medien ebenso.
BERLIN. Als Umar Fredricks über den Fan-Alltag in Schottland berichtete, huschte ein Lächeln über das Gesicht vieler deutscher Fans. Als Celtic-Anhänger sei man oftmals Opfer von "Repression und merkwürdigen Polizeieinsätzen" berichtete er. Und schloss mit einer anschaulichen Anekdote: "Kürzlich traf die Polizei in einer öffentlichen Toilette einen Betrunkenen an, der dort eingeschlafen war. Der bekam dann ein Stadionverbot für den Celtic Park." Der selig schlafende Trunkenbold dürfte es verkraftet haben: Er interessierte sich überhaupt nicht für Fußball.
Stigmatisiert fühlen sich auch die deutschen Fußballfans, die am Wochenende zum Ersten von der Fanszene selbst organisierten Kongress in Berlin zusammenkamen. Die Fans aus fast allen größeren Klubs, die meisten davon aus der Ultraszene, hätten gerne über das Thema Pyrotechnik diskutiert. Doch die Gespräche darüber sind definitiv beendet, wie alle Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in Berlin noch einmal betonten. "Wir können über alles reden, außer darüber", betonte DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus vor Ort. Die Erwartung der Organisatoren, dass die Veranstaltung mehr erbringen könnte als den Austausch von konträren Positionen, war damit früh ad acta gelegt – auch, weil andere Forderungen aus der Szene (fanfreundliche Anstoßzeiten, Preispolitik, mehr Bewegungsfreiheit am Spieltag) längst nicht mit der Vehemenz angesprochen wurden wie das offenbar alles überlagernde Pyrothema. "Wir finden es aber gar nicht so schlimm, dass DFB und DFL hier keine Versprechungen machen", sagte Johannes Mähling vom Veranstalter "Pro Fans". Ob die Dialogbereitschaft ernst gemeint sei, zeige sich zudem "ja eher im Alltag als auf Kongressen".
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Immerhin wurde so die Stimmung in einer Szene deutlich, die sich vom offiziellen Fußball offenbar schwer verkannt fühlt – nicht zuletzt von den Medien, denen dutzende Redner Panikmache und Gewaltfaszination vorwarfen. Die meisten Redner, die den Medien vorwarfen, undifferenziert und einseitig zu berichten, sprachen dabei reichlich undifferenziert über die Medien. So konnte sich bei einigen Zuhörern der Eindruck verfestigen, als seien Fanausschreitungen wie beim Pokalspiel Dortmund gegen Dresden gar reine Medienerfindungen.
Allerdings gelang es manchem Redner gut zu dokumentieren, an welchen Stellen die Berichterstattung tatsächlich unsachlich und sensationsheischend ausfiel. So berichtete ein Fan aus Hannover von der medialen Eskalation eines an sich eher "nicht so schlimmen" Vorfalls. Auf der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel habe einer der 500 Zugfahrer am Hannoveraner Bahnhof einen Böller gezündet. Die Pressemeldung der Polizei habe daraufhin "500 Fans" und "Randale" thematisiert, woraus wiederum eine Zeitung getitelt habe: "500 Fans randalieren am Bahnhof."
Matthias Stein, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte präsentierte Zahlen. Nach Angaben der "Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze" (ZIS), die der Polizei in NRW untergeordnet ist, hätten in der vergangenen Spielzeit 17,5 Millionen Menschen die Spiele besucht, die laut Polizeiangaben 846 Verletzten stellten einen Anteil von 0,0015 Prozent dar. Auch der Anstieg zur Vorsaison (plus 62 Verletzte) sei ein reines Medienthema: "Diese Zahl bekomme ich schon durch einen gepflegten Einsatz von Pfefferspray zusammen." In die gleiche Kerbe – nach Ansicht der Fans rühren die meisten Verletzungen von überzogenen Polizeieinsätzen her – hieb auch Alexander Bosch von "Amnesty International", der Balsam auf die Wunden der Fans verteilte, indem er ebenfalls die Polizei kritisierte. Die kommuniziere zu wenig und greife oft zu "einem wahllosen Einsatz von Pfefferspray." Im Übrigen unterstütze "Amnesty" seit jeher die Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte.
Gerne hätte man darauf eine Replik der Polizei gehört – die betont ja durchaus zu Recht, dass ihnen viele Fans vermummt entgegenträten. Doch die Polizei hatte in Gestalt der ZIS als einzige der eingeladenen Parteien am Tag vor Veranstaltungsbeginn aus "terminlichen Gründen" abgesagt. "Die Fans reichen die Hände", resümierte der Frankfurter Fananwalt Stefan Minden, "doch die greifen ins Leere."
Autor: Christoph Ruf
