Der Märchenprinz

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Di, 28. August 2018

1. Bundesliga

Hendrik Weydandt, vor vier Jahren noch Kreisliga-Kicker, trifft kurz nach seiner Einwechslung für Hannover und begeistert die Fans.

BREMEN. Als Hendrik Weydandt sich an der Seitenlinie aufstellte, schwoll der Lärmpegel im Gästeblock des Bremer Weserstadions zumindest leicht an. Natürlich war die Lautstärke nicht mit dem Beifallssturm zu vergleichen, der Claudio Pizarro als Bundesliga-Legende der Grün-Weißen auf den Rasen begleitete, aber die Geschichte des Nordderbys zwischen Werder Bremen und Hannover 96 (1:1) schrieb dann doch eher der Bundesliga-Debütant der Roten. 77 Sekunden nach einer Einwechslung in der 75. Minute zu treffen, schaffen nicht so viele Novizen. Dabei setzte der 23-Jährige nur seinen Lauf aus der Vorbereitung und seinem Doppelpack im DFB-Pokal beim Karlsruher SV (6:0) fort. "Henne, du bist der beste Mann!" klang es hinterher aus der Westkurve mit den 96-Fans.

Ein Hobby-Pianist bringt der Bundesliga ganz neue Töne bei, schließlich kickte die Nummer 26 der Niedersachsen vor vier Jahren noch beim TSV Groß Munzel. Kreisliga Hannover Land. Weit weg von der Glitzerwelt Profifußball, die meist nur noch Talenten die Tür öffnet, die die Komplettausbildung in Nachwuchsleistungszentren durchlaufen haben. Ausnahmen müssen gesucht werden wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. "Es kommt kaum noch vor, dass Spieler durchs Raster fallen", weiß auch 96-Sportchef Horst Heldt. "Diese Märchen werden seltener." Das Beispiel Weydandt zeigt, wie viele Zufälle mitspielen müssen, damit so einer heutzutage oben ankommt.

Der in Gehrden geborene Mittelstürmer hat seine Treffer vergangene Saison noch regelmäßig für den 1. FC Germania Egestorf/Langreder geschossen. Regionalliga Nord. Der neue Leiter der 96-Akademie Michael Tarnat hatte die Idee, mit dem 1,95-Meter-Hünen die in derselben Spielklasse verortete U 23 zu verstärken. Doch weil Bundesliga-Trainer André Breitenreiter im Sturm seine Sorgen hatte (und den Spieler als ortskundiger Cheftrainer selbst kannte), wollte er in der Vorbereitung "mal schauen, ob er auch bei uns seine Torjäger-Qualitäten zeigen kann". Weydandt konnte – und hat sich dann auch "als Typ gut präsentiert" (Breitenreiter). Die Einwechslung sei ein "klares Signal" gewesen: "Seine Geschichte ist Wahnsinn, aber das hat er sich hart erarbeitet. Das ist kein Zufall."

Fast hätte Weydandt die Schienbeinschoner vergessen

Nur ziemlich aufgeregt ist der Fleißarbeiter vor seinem ersten Einsatz vor ungewohnt großer Kulisse dann doch gewesen. "Er hat beim Anziehen einiges durcheinandergebracht", witzelte Heldt. Beispielsweise die Schienbeinschoner fast vergessen. Als dann alles geordnet war, dauerte es nicht lange, um nach Zuspiel von Ihlas Bebou freistehend zu vollstrecken. Nun stehen bei drei Torschüssen im Profibereich gleich drei Treffer in der Bilanz. Ob sich diese traumhafte Quote gegen Borussia Dortmund am kommenden Freitag fortschreiben lässt? Weydandt selbst wollte über seinen kometenhaften Aufstieg hernach nicht reden, was Breitenreiter völlig in Ordnung fand: "Die Tore sprechen für sich."

Sportchef Heldt hat immerhin verraten, dass so eine Begabung natürlich nicht für ein Amateurgehalt weiterspielen könne, wo die Kollegen alle ein Vielfaches verdienen. "Mit dem Papa haben wir uns schon geeinigt, jetzt muss nur noch der Präsident Ja sagen", merkte der Manager grinsend an. Sollte heißen: Weil der eine Anwaltskanzlei führende Vater gleichzeitig als Berater fungiert, ging auch auf dieser Ebene alles "sehr bodenständig" (Heldt) vonstatten. Der 96-Märchenprinz wird bald auf Basis eines verbesserten Arbeitspapiers entlohnt, das Präsident Martin Kind abnicken wird, denn: "Ein Stürmer wird an seinen Toren gemessen – und die schießt er." Sein Ex-Klub aus Barsinghausen hat über Twitter derweil mit einem Augenzwinkern mitgeteilt: "Kann man im Nachhinein noch mal über die Ablösesumme sprechen? Henne, du Maschine!"