Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
08. August 2011
Bayern - Mönchengladbach: Die falschen Signale
Trügerische Überlegenheit des FC Bayern: Mönchengladbach gewinnt in der Arena mit 1:0.
MÜNCHEN. Der FC Bayern München hat einen klassischen Fehlstart in die neue Saison hingelegt. Gegen Borussia Mönchengladbach unterlag der mit großen Ambitionen zur neuen Spielzeit angetretene Meisterschaftsanwärter mit 0:1.
Der Verlust des Titels hat Spuren hinterlassen. Das "DM" (Deutscher Meister) auf den Autokennzeichen der Spieler des FC Bayern München musste weg. Es wäre momentan auch reiner Etikettenschwindel. Immerhin fand der Fahrzeugsponsor eine Mir-san-Mir-taugliche Ersatzvariante. Auch mit "RM" (Rekord-Meister) kann man öffentlich Stärke demonstrieren.Dass derart symbolträchtige Signale jedoch nicht genügen werden, um wieder die Nummer eins im Land zu werden, hatte bereits die Dortmunder Machtdemonstration gegen den Hamburger SV (3:1) gezeigt. Die Veränderungen auf dem Spielfeld sind es, die fruchten müssen. Deswegen haben die Bayern-Verantwortlichen Personal ausgetauscht, dort, wo sie die größte Problemzone im Team ausgemacht hatten: in der Abwehr. Jerome Boateng heißt der neue Chef in der Innenverteidigung, Rafinha ist nun für die rechte Abwehrseite zuständig, Philipp Lahm wurde nach links beordert. "Jetzt haben wir keine Schwachstelle mehr", verkündete Sportdirektor Christian Nerlinger stolz. Er sollte sich irren.
Werbung
Gegen Borussia Mönchengladbach blieb die Mannschaft jedenfalls den Beweis dafür schuldig. Zunächst waren die Konter der Gäste zwar in der Endausführung zu unpräzise, um die Zuverlässigkeit des Münchner Defensivverhaltens intensiv überprüfen zu können. Aber der Gladbacher Arango hatte nach Doppelpass mit Marco Reus bereits die beste Chance in Halbzeit eins (42.). Manuel Neuer, den sich die Bayern für solche Notfälle zugelegt haben, musste glänzend parieren.
Dass Jupp Heynckes, der neue alte Bayern-Trainer, den Großteil der Saisonvorbereitung der defensiven Stabilisierung gewidmet hatte, wurde im Spiel nach vorn deutlich. Nach wie vor beruht die Offensivphilosophie der Bayern auf Ballbesitz, auf bisweilen exzessivem Passspiel sowie auf Einzelqualitäten. Mario Gomez’ Instinkt und sein Kopfballspiel beispielsweise sind zweifellos herausragend, das zeigte der Beginn der zweiten Halbzeit. Einmal musste Marc-André ter Stegen sein ganzes Reaktionsvermögen aufbieten, um gegen Gomez zu parieren (49). Dann stand dem jungen Borussen-Keeper der Pfosten klärend zur Seite (55.).
Doch es waren meist Freistöße, Eckbälle und Flanken aus dem Halbfeld, die Gefahr erzeugten. Ein rasantes Kombinationsspiel wie Konkurrent Dortmund haben die Münchner aktuell nicht zu bieten. Weil den Ausnahmekönnern Robben und Ribéry nach Verletzungen das körperliche Vermögen für Geniestreiche fehlt, ist Thomas Müller meist allein fürs Tempo zuständig. Zudem mangelt es den Bayern an kollektiver Beteiligung. Während die Dortmunder Alleskönner multiaktiv sind (verteidigen, angreifen, flanken, schießen, umschalten), herrscht in Teilbereichen des Heynckes-Teams immer wieder lähmender Stillstand. "Alles gut anzusehen, aber nicht zwingend", urteilte Jupp Heynckes später. Die durchaus vorhandene optische Überlegenheit war trügerisch, weil die Bayern die wenigen unorganisierten Momente der gegnerischen Defensive regelmäßig verpassten. "Dann, wenn die andere Mannschaft mal nicht so gut steht, muss man Tempo gehen. Das ist uns nicht gelungen", räumte Heynckes ein.
Dass dann ausgerechnet dem einzigen aktuellen Titelträger in Reihen der Gastgeber der spielentscheidende Fehler unterlief, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Manuel Neuer, immerhin Pokalsieger und Fußballer des Jahres, eilte bei einem Konter zu spät aus seinem Gehäuse, irritierte den Kollegen Boateng und de Camargo durfte zum Gladbacher Siegtreffer (62.) einköpfen.
Der Rest war Ernüchterung. Gegen eine Mannschaft verloren zu haben, bei der Torwart ter Stegen die meisten Ballkontakte (74) verbuchte, stürzte Thomas Müller für den Moment sogar in eine Sinnkrise. "Die machen aus dem Nichts ein Tor und alle unsere guten Vorsätze sind wieder beim Teufel", nörgelte er frustriert vor sich hin. Das "RM" auf dem Kennzeichen seines Autos dürfte ihn kaum aufgemuntert haben.
Autor: René Kübler
