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02. Juni 2012 00:05 Uhr

Seltsame Wandlung

Levan Kobiashvili galt als lammfromm – zuletzt war er aber alles andere als das

Levan Kobiashvili galt auch beim SC Freiburg als lammfrommer Spieler. Zuletzt machte er in den Diensten von Hertha BSC Berlin Negativschlagzeilen. Ist aus ihm ein unfairer Schläger und Treter geworden?

  1. Levan Kobiashvili scheint sich in diesen Wochen oft verstecken zu wollen. Foto: dapd

"Als ich davon hörte, war ich wie vor den Kopf gestoßen", sagt Andreas Rettig. Der frühere Manager des SC Freiburg und künftige Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga ist fassungslos, dass Levan Kobiashvili nach dem skandalträchtigen Relegations-Rückspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin (2:2) Schiedsrichter Wolfgang Stark tätlich angegriffen haben soll. "Das passt überhaupt nicht zu dem ’Kobi’, den ich kenne", erklärt Rettig. Während ihrer gemeinsamen Zeit in Freiburg habe er Kobiashvili geradezu als lammfromm wahrgenommen: "Und als so was von integer."

Auch Fritz Keller weiß über Kobiashvili nur Gutes zu berichten. "Er war stets ein Vorbild für die anderen, seine charakterlichen Stärken haben seine fußballerischen sogar noch übertroffen", erinnert sich der Präsident des SC Freiburg. Deswegen sagt auch Keller: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so etwas getan hat. Ich traue ihm das einfach nicht zu."

Doch die Beweislast scheint erdrückend. "Der Spieler Levan Kobiashvili hat mit ausgestreckter Faust in meine Richtung geschlagen. Ich habe mich weggeduckt, bin dann am Hinterkopf getroffen worden. Einzig das Treppengeländer verhinderte einen Sturz, und das wären fünf bis sechs Meter gewesen", hatte Stark im Rahmen der Verhandlung über ein Wiederholungsspiel vor dem Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ausgesagt. Noch in der Kabine hatte der Unparteiische zudem Strafanzeige wegen Körperverletzung gestellt. Starks Version wird von seinen Assistenten bestätigt. Der DFB-Kontrollausschuss hat eine Sperre von einem Jahr für Kobiashvili beantragt. So hart wurde in Deutschland noch nie ein Fußballprofi bestraft.

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Wenn es um Schiedsrichter geht, gilt der DFB als unnachgiebig

1966 soll Timo Konietzka von 1860 München in einem Spiel gegen Dortmund den Schiedsrichter körperlich attackiert haben. Von einem Stoß vor die Brust und einem Tritt ans Schienbein war seinerzeit die Rede. Konietzka, der den Vorwurf bestritt, wurde dennoch für ein halbes Jahr gesperrt.

Auch Kobiashvili, der sich momentan mit seiner Familie im Urlaub befinden soll, wehrt sich gegen die Vorwürfe. Zumindest behauptet das Hertha-Präsident Werner Gegenbauer. Der Georgier schwöre, dass er nicht geschlagen habe. Der Verein hat Einspruch eingelegt. Spätestens Anfang nächster Woche werde der Einzelrichter des DFB-Sportgerichts ein Urteil fällen, teilte der Verband mit. Fachleute rechnen damit, dass dieses Urteil tatsächlich so hart ausfällt wie angekündigt. Wenn es darum gehe, seine Schiedsrichter zu schützen, sei der DFB unnachgiebig.

Geständnis und Entschuldigung als einzige Chance?

In einem Geständnis samt umfassender Entschuldigung sehen die Experten Kobiashvilis einzige Chance, die Sperre zu reduzieren. Unter einem halben Jahr dürfte er dennoch nicht davonkommen, vermuten sie. Zumindest hätte der 34-Jährige dann aber eine Chance, seine Karriere in Deutschland fortzusetzen. Womöglich bei Hertha BSC Berlin. Manager Michael Preetz und der neue Coach Jos Luhukay haben Kobiashvili nämlich als Stütze für die nächste Zweitliga-Saison eingeplant.

Was bleibt ist die Frage, wie sich Kobiashvili so verändern konnte. In seiner 16-jährigen Laufbahn in Deutschland hat der Georgier im Schnitt lediglich vier gelbe Karten pro Saison gesehen. Auffällig ist, dass sich Kobiashvili die einzigen beiden Platzverweise seiner langen Deutschland-Karriere in der Endphase der abgelaufenen Spielzeit einhandelte (Gelb-Rot in Köln, Rot in Leverkusen). Im letzten Saisonspiel gegen Hoffenheim war er zudem durch eine für ihn ebenfalls untypische Schauspieleinlage negativ aufgefallen. Kenner der Hertha-Szene glauben, dass Kobiashvili – nachdem Rehhagel ihn zum Führungsspieler und sogar zum Kapitän befördert hatte – dem Druck der Verantwortung nicht gewachsen war. Das vermutet auch Andreas Rettig: "Unter Umständen hat die Last der Kapitänsbinde in seinem Unterbewusstsein eine Rolle gespielt."

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Autor: René Kübler