Ungewissheit auf der Frankfurter Großbaustelle

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Sa, 11. August 2018

1. Bundesliga

Wo steht die Eintracht vor dem Supercup gegen die Bayern?.

Es gibt diese neuralgischen Punkte im Frankfurter Straßennetz zur Genüge, in dem eine einzige kleine Baustelle genügt, um ein mittelschweres Chaos auszulösen. Die von der Arena im Stadtwald in die Innenstadt führende Kennedyallee ist dafür ein gutes Beispiel, denn die wegen Brückenarbeiten erzwungene Verengung auf eine Fahrspur führt täglich zu quälenden Wartezeiten. Trainerteam, Spieler und Vereinsangestellte von Eintracht Frankfurt sind oft genug darin verfangen, was irgendwie im Hitzesommer 2018 ein gutes Beispiel ist: Ähnelt nicht auch der hessische Bundesligist einer einzigen Großbaustelle, auf der Geduld gefragt ist?

Der grandiose Rausch des Pokalsiegs ist zwar nicht verflogen – sonst wären nicht vor der Auslosung sämtliche Karten für die Europa-League-Gruppenphase verkauft worden – , aber große Ungewissheit begleitet den Klub in die neue Saison. Vermutlich kommt der Supercup gegen den FC Bayern (Sonntag 20.30 Uhr/ZDF) für das runderneuerte Ensemble zu früh. Wenn es dumm läuft, dreht Ex-Trainer Niko Kovac seinem Nachfolger Adi Hütter gleich eine lange Nase.

Immerhin: Der zuletzt in der Schweiz sehr erfolgreich arbeitende Österreicher hat die Herausforderung mit Haut und Haaren angenommen. Doch Kontinuität herrscht bei der einst launischen Diva zwar auf der Führungsebene – die Vorstände Fredi Bobic und Axel Hellmann (bis 2023) sowie Sportdirektor Bruno Hübner (bis 2021) verlängerten ihre Verträge –, aber nicht im Spielerkader. Bei Hütters Vorstellung Ende Mai hatte Bobic noch versprochen, dass es keinen Ausverkauf geben werde, sondern sein Wunschtrainer ein gutes Gerüst vorfinde. Anfang August sind die Realitäten andere: Nach Stammtorhüter Lukas Hradecky (Bayer Leverkusen) und Abräumer Omar Mascarell (Schalke 04) gingen auch Antreiber Kevin-Prince Boateng (Sassuolo Calcio) und Entdeckung Marius Wolf (Borussia Dortmund). Vier Korsettstangen. Gerade mit dem Identitätsstifter Boateng ging viel Kitt verloren, der das Multikulti-Kollektiv zusammengehalten hat. Seine nach dem Pokalsieg auf dem Frankfurter Römer ausgeplauderte Ansage gegenüber Ante Rebic ("Der hat vor dem Spiel gesagt: Bruda, schlag den Ball lang. Und ich habe gesagt: Bruda, ich schlag den Ball lang!") ist auf vielen T-Shirts verewigt. Zumindest Rebic – Pokal-Doppeltorschütze gegen die Bayern – wird weiterhin das Adlertrikot tragen. Der Vize-Weltmeister hat seinen Vertrag um ein Jahr bis 2022 verlängert. "Für uns ist das ein Eintracht-Frankfurt-Meilenstein, das zu schaffen", sagt Sportvorstand Fredi Bobic. Hütter hat oft genug betont, dass der Rebic jemand ist, "der super in unsere Systematik passt". Denn: "Er kann ein Spiel alleine entscheiden."

Neben einem neuen Trainer, neuen Spielern soll ja noch eine neue Philosophie greifen. Hütter gilt als Anhänger eines risikoreichen Angriffsstils. Allerdings schränkt er bereits ein: "Es wird nicht passieren, dass wir 90 Minuten Pressing und Gegenpressing spielen und hinten die Hosen runterlassen." Der Fußballlehrer verspricht, die Balance zu wahren und die Kompaktheit zu behalten: "Ich stehe für den offensiven Fußball, aber Plan B ist nicht ausgeschlossen." Und vermutlich im ersten Pflichtspiel auch der bessere.

Denn noch haben die wenigsten der vom internationalen Markt angelockten Neuzugänge überzeugt: Bei den Mittelfeld-Leihgaben Allan (FC Liverpool) und Geraldes (Sporting Lissabon) hakt es ebenso noch wie bei Verteidiger Evan Ndicka (AJ Auxerre) und Stürmer Goncalo Paciencia (FC Porto). Allein Lucas Torro, den Real Madrid zuletzt zweimal verliehen hatte, konnte über die Testspiele Pluspunkte sammeln. Hütter warnt schon jetzt vor zu hohen Erwartungen in der Anfangsphase. "Der Umbruch ist ein laufender Prozess, der Zeit benötigt." Vermutlich auch über das erste Bundesligaspiel am 25. August beim SC Freiburg hinaus.