Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
21. März 2009 06:19 Uhr
Reportage
Blindes Ballgefühl – wenn Fußballer nach Gehör spielen
Er dribbelt, lauscht und zieht ab – Alexander Fangmann ist der Star des deutschen Blindenfußballs. Er stürmt beim Favoriten für den deutschen Meistertitel MTV Stuttgart. Die Badische Zeitung ist dem Geheimnis seines Spiels auf den Grund gegangen.
Ein langer Schritt und Alexander Fangmann hat den Ball gestoppt. Er dreht sich um die eigene Achse. Rechts, links, rechts, links wechselt der Ball zwischen seinen Füßen. Fangmann lauscht, zieht ab und – Tor. Eine Szene, wie sie sich ähnlich auf tausenden Fußballplätzen in Deutschland ereignet. Nichts besonderes. Nur eines: Alexander Fangmann ist blind.
Fangmann, 24, ist der Star des deutschen Blindenfußballs: Stürmer beim Favoriten für den deutschen Meistertitel, dem MTV Stuttgart, Nationalspieler, Torschütze des ersten – und bisher einzigen – deutschen Treffers bei einem Länderspiel. Und Fangmann ist einer von denen, die Blindenfußball in Deutschland heimisch gemacht haben, 2006 war das.
"Voy, voy." Fangmann nähert sich wieder dem Ball. Der schlacksige, junge Mann stochert mit dem Fuß zwischen den Beinen des Gegners, erkämpft den Ball, schiebt die rasselnde Kugel dicht vor sich her. "Jörg", ruft er, zögert einen kurzen Moment und schickt den Ball dann in die Richtung, aus der die Antwort kommt. Blindenfußball, das ist Fußball nach Gehör. Der Ball trägt eine Rassel im Innern und wird über Bande gespielt. Am Spielfeldrand helfen Rufer den Kickern, sich zu orientieren: Einer steht hinter dem gegnerischen Tor, einer an der Seitenlinie. Und der Torwart dirigiert von hinten. Er ist der einzige sehende Spieler. Seine Einschränkung: Er darf seinen Torraum von zwei Metern nicht verlassen. Auf dem Platz stehen sich je vier blinde Feldspieler gegenüber, Männer und Frauen. Alle mit einer Dunkelbrille vor den Augen, damit auch diejenigen mit einem Sehrest nicht überlegen sind. Die Spieler einer Mannschaft rufen einander beim Namen, haben Codewörter für bestimmte Spielzüge. Nähert sich ein Gegner dem ballführenden Spieler, ruft er "voy", spanisch für "ich komme". In Spanien und Südamerika spielen Blinde schon seit Jahrzehnten Fußball.
Werbung
In Deutschland ist Blindenfußball eine ganz junge Sportart. 2007 organisierten Fangmann und seine Kollegen das erste Hallenturnier in Tübingen, ein Jahr später einen Workshop für Frauen. 2008 startete die Bundesliga, acht Mannschaften nahmen teil. Der MTV Stuttgart wurde Vizemeister – an diesem Wochenende startet er einen neuen Anlauf auf den Meistertitel 2009. Die Chancen sind gut: zwei Nationalspieler im Kader, den Bundestrainer Ulrich Pfisterer an der Seite. Der ist immer noch sauer, dass es in der vorigen Saison nicht geklappt hat. "Nur weil wir in einem Spiel nicht konzentriert waren." Drei Spiele haben die Stuttgarter gewonnen, dreimal unentschieden gespielt und nur die eine Partie gegen Marburg verloren. Marburg wurde schließlich Meister. Die meisten Tore schoss – Alexander Fangmann, zehn Treffer in sieben Spielen.
Fangmann kickt, seit er vier Jahre alt ist, mit acht Jahren erblindete er. Nur ein Jahr besuchte er eine Blindenschule, ging dann in eine integrative Gymnasialklasse. "Weil meine Kumpel Fußball gespielt haben, hab ich mitgemacht." Die Jungen besorgten einen Ball mit Klingel und damit ging’s auf den Bolzplatz am Ort. "Wir haben mehr schlecht als recht gespielt", sagt Fangmann heute und lacht. Aber das Training von Kindheit an zeigt Wirkung: "Alex gilt als der beste Blindenfußballer Deutschlands", sagt Trainer Pfisterer.
Pfisterer ist einer, der fordert, der im Training am Spielfeldrand schreit und schimpft, einer, der sich nur mit der besten Leistung zufrieden gibt. Er war selbst mal Fußballprofi, ist heute Sportlehrer an der Nikolauspflege, einer Blindeneinrichtung in Stuttgart. "Voy sagen", schreit Pfisterer gerade in die Turnhalle und schon kracht es: Fangmann und sein Mitspieler Mulgheta Russom sind ineinander gerannt. Der schmalere Fangmann klatscht der Länge nach auf den Hallenboden, reibt sich das Knie, verzieht das Gesicht. Zusammenstöße passieren im Training, passieren im Turnier. Fußball ist ein körperbetontes Spiel, Blindenfußball noch stärker. Wer den Gegenspieler nicht sieht, trifft auch mal dessen Schienbein anstelle des Balls. Im vergangenen Jahr war ein Spieler so unglücklich mit Fangmann zusammengestoßen, dass er sich einen Schädelknochen brach. Darum gilt ab dieser Saison eine Kopfschutzpflicht. "Die Jungs haben ja schon einen Wahnsinns-Mut. Ich würd das nicht machen, blind zu kicken", sagt Pfisterer.
Angst vor schlimmen Verletzungen hat Fangmann nicht. "Je höher das Spielniveau, desto geringer ist die Verletzungsgefahr. Gute Spieler rennen nicht einfach auf das Geräusch zu, das der Ball macht." Das Fußballspielen hat sein Gehör noch einmal geschärft. "Auch auf der Straße höre ich jetzt genauer, ob vor oder neben mir jemand geht." Und das Spiel mit anderen Blinden trainiert auch etwas anderes: die Treffsicherheit. "Früher konnte ich den Pass einfach irgendwohin spielen." Die sehende Mitspieler sprinteten auch einem verschossenen Ball hinterher. Im Blindenfußball ist ein exaktes Zuspiel noch wichtiger.
Und das trainiert Pfisterer vor dem Saisonauftakt akribisch. Heute: der Lupfer. Mulgheta Russom hat den Ball am Fuß, hebt ihn mit der Schuhspitze, in hohem Bogen überwindet die rasselnde Kugel den Gegenspieler und landet direkt vor Alexander Fangmann. Er dreht sich zum Tor, zielt auf die Stimme von Ruferin Jule Hallanzy, schießt – und verschießt. Diesmal kein Torerfolg. Aber der Lupfer ist in der Liga ein Spielzug, den keiner so beherrscht wie die Stuttgarter Mannschaft.
Sie trainiert hart dafür. Zweimal pro Woche in Stuttgart. Zusätzlich trifft sich Fangmann mit seinen Tübinger Mitspielern zum Lauf- und Schusstraining. Hier studiert der 24-jährige Rhetorik und Sprachwissenschaft, er lebt allein, bewegt sich ohne Begleitung durch die Stadt, nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel. An die Uni geht er mit dem Laptop, macht darauf seine Notizen. Wenn nötig hilft der Zivi des Studentenwerks. Fangmann engagiert sich in der Tübinger Interessengemeinschaft behinderter und chronisch kranker Studierender – und suchte gleich zu Beginn seines Studiums nach neuen Mitspielern. Er fand Jörg Fetzer, 37, Jurist beim Landratsamt Tübingen. "Anfangs war ich total skeptisch", erinnert sich Fetzer. "Ich hatte Blindenfußball bei den Paralympics im Fernsehen gesehen. Aber das war nicht das, was ich mir unter Fußball vorstelle." Fetzer hat einen minimalen Sehrest. Per Computer vergrößert er sich Bilder und Texte so stark, dass er sie sehen kann.
Bis er 19 Jahre alt war hatte Fetzer im Verein gekickt, dann erblindete er. Trotz Vorbehalten gegen Blindenfußball ging er zum Training und stellte fest: "Hoppla, das ist gar nicht so schlecht." Auch er spielt heute beim MTV Stuttgart, auch er hätte das Potenzial für die Nationalmannschaft. Aber auf internationaler Ebene dürfen nur vollblinde Spieler kicken – nicht Fetzer mit seinem Sehrest. "Schade fürs Fußballspielen", scherzt er. "Aber natürlich besser im Alltag."
Gerade schnappt sich Fetzer den Ball fürs Strafstoßtraining. Der wird beim Blindenfußball aus acht Metern Entfernung geschossen. Und hier ist die Hilfe des Guides gefragt. Jule Hallanzy gibt die Richtung vor, klopft einmal an den rechten, einmal an den linken Torpfosten, stellt sich dann mittig hinter das Tor und ruft: "Hier, hier". Fetzer tastet mit der Fußspitze noch mal nach dem Ball und schießt. Peng macht es, als der Ball gegen die Wand knallt. "War der drin?"
Im Turnier wird der Torjubel der Zuschauer den Treffer anzeigen. Tooor-Schreie sind aber auch der einzige Lärm, den die Zuschauer machen dürfen. Fangesänge sind verboten, die Kicker müssen schließlich auf Ball, Mitspieler und Guides lauschen. Damit auch blinde Zuschauer mitfiebern können, gibt es für sie einen Audiokommentar über Kopfhörer. Und wie bei jedem anderen Bundesligaspiel gibt es auch hier eine Stadionzeitung – als Audio-Datei.
Der Meistertitel in der Bundesliga ist eines von Fangmanns Zielen in dieser Saison. Für das andere kämpft er im Juni im französischen Nantes. Dann ist wieder Europameisterschaft. Bei der letzten EM 2007 wurde Deutschland achter von acht Mannschaften. "Wir haben uns in der Zwischenzeit sehr gesteigert. Darum hoffen wir natürlich, diesmal besser abzuschneiden." Ein Spiel zu gewinnen ist das Minimalziel der Nationalmannschaft. Der dritte Platz wäre ein Traum – und zugleich das Ticket zur Weltmeisterschaft.
Die Mannschaften anderer Länder sind den Deutschen deshalb überlegen, weil die Spieler dort schon im Kindesalter das Kicken beginnen. Und wie sieht es mit der Nachwuchsarbeit in Deutschland aus? "Schwierig", sagt Fangmann. "Weil die Kinder hier integrativ geschult werden und die meisten nicht in eine Blindenschule gehen, ist es schwer, an sie heranzukommen." Was für den fußballerischen Nachwuchssuche ein Nachteil sein mag, ist für die Ausbildung der Kinder ein Vorteil: Sie haben die gleichen Zukunftschancen wie die Sehenden.
Autor: Silke Kohlmann


