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05. Juli 2012

Das Ende aller Diskussionen?

Entscheidung am Donnerstag in Zürich: Die Torlinientechnologie soll nach dem Willen des Fußball-Weltverbandes Einzug halten.

  1. Manuel Neuer reckt sich vergebens, der Schuss von Frank Lampard bei der WM 2010 war eindeutig im Tor – doch der Schiedsrichter entschied anders herum. Foto: dpa

FRANKFURT/MAIN (dapd). Tor oder nicht Tor? Die elementarste aller Sportfragen mit hamletschen Zügen wird im Fußball künftig wohl die Technik beantworten. Am Donnerstag entscheiden die Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) am Sitz des Weltverbandes (Fifa) in Zürich über die Einführung der Torlinientechnologie. Und vieles deutet daraufhin, dass der 5. Juli 2012 für eine Technik-Revolution im Fußball stehen wird.

Fifa-Präsident Joseph Blatter hat sich bereits klar positioniert und für den Einsatz der Torlinientechnologie ausgesprochen. "Es führt kein Weg mehr daran vorbei", sagte der 76 Jahre alte Schweizer. Bekräftigt fühlt sich Blatter durch die jüngste Szene bei der EM, als Englands John Terry einen Schuss des Ukrainers Marko Devic eindeutig hinter der Linie klärte, der Torrichter den Treffer jedoch nicht anerkannt hatte. Auch das nicht gegebene Tor des Engländers Frank Lampard im WM-Achtelfinale 2010 gegen Deutschland war Blatter aufgestoßen: "Ich möchte nicht noch einmal bei einer WM Zeuge einer solchen Situation sein. Da würde ich sterben."

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Damit dies nicht passiert, soll die Technik dem Schiedsrichter die Entscheidung abnehmen. Der Einsatz zweier Systeme ist denkbar. Das unter anderem im Tennis bewährte Hawkeye aus England basiert auf sieben Kameras auf dem Stadiondach und hinter jedem Tor. Probleme gibt es, wenn der Ball nicht sichtbar ist. Bei der deutschen Technologie Goalref befinden sich Antennen im Ball, im Torgestänge und im Rasen auf der Torlinie. Ein schwaches Magnetfeld zeigt an, wenn der Ball die Torlinie passiert. Kriterium für beide Systeme ist die Zuverlässigkeit von mindestens 99,5 Prozent. Innerhalb von einer Sekunde muss das Ergebnis zum Schiedsrichter gefunkt werden.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Vertreter der deutschen Profiklubs befürworten die Einführung der Torlinientechnologie. "Wir sind vom Grundsatz her dafür", sagte DFB-Präsident Wolfgang
Niersbach, drängt zugleich aber auf die Klärung zahlreicher Fragen. "Es muss definiert werden, in welchen Spielklassen und in welchen Wettbewerben die Technik eingeführt wird. Soll das nur für die Bundesliga gelten oder auch für den DFB-Pokal und dann für ein Spiel bei Vereinen wie Meuselwitz und Oberneuland? Gilt es in der Europa und der Champions League auch in der Qualifikation?", zählte Niersbach zahlreiche ungeklärte Aspekte
auf und betonte: "Der Kostenaspekt darf nicht außer Acht gelassen werden." Laut Fifa würden etwa 500 000 Euro Kosten entstehen, um ein einzelnes Spielfeld mit der neuen Technik auszurüsten.

Bei der Entscheidung am Donnerstag haben der DFB und die Deutsche Fußball Liga (DFL) kein Mitspracherecht. Die acht Mitglieder des IFAB stehen bei der Entscheidung aber unter einem gewissen Druck. Top-Funktionäre wie DFB-Ex-Präsident Theo Zwanziger fordern seit langem eine Reform des ultrakonservativen Gremiums, das seit 1866 über alle Regelfragen befindet – und den Fußball vor großen Veränderungen bewahrte. Vier Fifa-Vertreter – darunter immer der Präsident – und je ein Gesandter der Verbände aus England, Schottland, Wales und Nordirland sind die Gralshüter der Fußball-Gesetze. Für eine Einführung der Tortechnik sind am Donnerstag sechs Stimmen notwendig.

Der Weltverband will aber offenbar den einzelnen Verbänden die Entscheidung überlassen, ob und wann die Torlinientechnologie zum Einsatz kommt. Michel Platini, der Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa) plädiert für den weiteren Einsatz von Torrichtern. Präsident Uli Hoeneß vom deutschen Rekordmeister Bayern München mahnte: "Es darf kein Hü und Hott geben." Niersbach hält eine Einführung zur kommenden Saison für "nicht umsetzbar".

Die Fifa kann sich den ersten Einsatz der Torlinientechnologie bei der Klub-WM im Dezember in Japan vorstellen. Auf jeden Fall soll sie bei der WM 2014 in Brasilien zum Einsatz kommen. Das Wembley-Tor von 1966 wäre dann endgültig Geschichte.

Beim Fußball-Bundesligisten SC Freiburg sieht man der Entscheidung in Zürich übrigens gelassen entgegen. Sportdirektor Dirk Dufner, derzeit in Kroatien unterwegs, ließ sich folgendermaßen vernehmen: "Meine ganz persönliche Meinung: Ich bin für die Torkamera. Wenn wir die technischen Möglichkeiten haben, sollten wir sie auch nutzen. Diskutiert werden müsste natürlich die Frage, in was für einem Rahmen, das heißt bei welchen Spielen und bis zu welcher Liga, der Einsatz Sinn macht."

Autor: dpa