Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

15. Mai 2009

Japan

Volker Finke: In einer neuen Fußballwelt

Der frühere SC-Trainer Volker Finke hat einen ordentlichen Einstand bei den Urawa Red Diamonds

TOKIO/FREIBURG. Wenn er nur ein kleines bisschen mehr Zeit hätte. Volker Finke wüsste, wie er sie sinnvoll nützen könnte. Denn: "Japan ist ein völlig anderes Land, eines voller Geheimnisse, die es zu lüften gilt", sagt der mittlerweile 61-jährige Fußballlehrer, der seit Beginn dieser Spielzeit bei den Urawa Red Diamonds auf der Bank sitzt – und sich im Land der aufgehenden Sonne recht wohl fühlt. Nicht nur des unerwarteten sportlichen Erfolgs wegen. Sieben Siege, zwei Remis, zwei Niederlagen – die Bilanz des zu 51 Prozent dem Mitsubishi-Konzern gehörenden Teams in der J-League, der höchsten Spielklasse, kann sich sehen lassen. 23 Punkte stehen für einen erfolgreichen Start. Die Kashima Antlers, der Titelverteidiger, hat ein Spiel weniger – und die gleiche Punktzahl wie Finkes Mannschaft, die derzeit Zweiter ist.

"Wir sind super in die Saison gestartet", erzählt Finke, der bis Sommer 2007 16 Jahre lang die sportlichen Geschicke beim SC Freiburg geleitet und in der Stadt im Breisgau noch immer seinen Hauptwohnsitz hat. Eine Menge Arbeit sei das gewesen – doch die Mannschaft habe schnell gelernt; "fixer, als ich es für möglich gehalten habe".

Werbung


Finke hat der Mannschaft eine grundsätzliche Umstellung von Spielauffassung und taktischer Ausrichtung verpasst. Als ein 4-2-2-2 oder 4-3-3 beschreibt es der Coach und schildert, durchaus mit ein bisschen Stolz in der Stimme, "dass wir jetzt ballorientiert agieren, verschieben und versuchen, Überzahl zu schaffen". Dazu habe er zwei junge Spieler, 17 und 18 Jahre alt, in die Mannschaft eingebaut, die in dem Ex-Leverkusener Robson Ponte ihren wohl in Deutschland bekanntesten Akteur hat. Kurzum: Finke ist sich selbst treu geblieben. Er tut in Japan das, was er einst schon an der Dreisam zu seinem Credo erkor. Und Unterstützung hat er sich auch mitgenommen. Neben drei japanischen Co-Trainern wird Finke bei den "roten Diamanten" von Kalle Neitzel und Ibrahim Tanko unterstützt. Beide gehörten schon zu seiner Freiburger Zeit dem erweiterten Trainerstab des Sportclubs an. Mit diesem "Coaching Staff" sei trotz der Sprachbarriere, die einen Dolmetscher und viel Improvisation erfordere, eine "hohe Arbeitsqualität" möglich.

Die ist wohl auch notwendig. Urawa Red Diamonds, der in Saitama City an der Peripherie Tokios beheimatete Klub, ist schließlich so etwas wie der FC Bayern Japans – "Asiens größte Nummer", wie Volker Finke den Verein beschreibt. Kein Wunder also, haben sich die Japaner den Münchner Klub zum Kooperationspartner auserkoren. Über diese Schiene kam dann auch der Kontakt zustande, der Finke zu Beginn dieser Saison im Januar nach Japan führte. Nach anfänglicher Skepsis wohlgemerkt. Mit dem japanischen Fußball hatte sich der Fußballlehrer bis dato nur am Rande beschäftigt. Eine mehrwöchige Informationsreise vertrieb aber die Vorbehalte: "Was ich gesehen habe, hat mich überzeugt und zugleich neugierig gemacht."

"Die Identifikation

mit dem eigenen Klub

ist grenzenlos."

Volker Finke über die Fans in Japan
Das Verhalten der Zuschauer zum Beispiel imponiert Finke. Fußball sei in Japan eine Sache für die ganze Familie. Entsprechend verhielten sich die Besucher. Stress oder Feindseligkeiten habe er noch nicht beobachtet. Hassgesänge auf den Gegner, wie in Deutschland an der Tagesordnung, seien in Japan völlig unbekannt. Dafür sei "die Identifikation mit dem eigenen Klub grenzenlos". Die Anhänger von Urawa, schildert Finke, kämen von Kopf bis Fuß in rot gekleidet, den Vereinsfarben des Klubs. Bei Heimspielen, erzählt er, "ist unser Stadion ein rotes Zuschauermeer". 50 000 Zuschauer und mehr sind an der Tagesordnung. Beeindruckend findet er das, zumal das Team auch zu Auswärtsspielen prinzipiell von bis zu 10 000 Fans begleitet werde.

Ins Schwärmen gerät Finke, wenn er von den teils "gigantischen Stadien" redet. Das Gros der Riesenschüsseln sei anlässlich der Weltmeisterschaft 2002 gebaut worden – großzügig, nach neusten Erkenntnissen und in der Regel architektonisch außergewöhnlich. Das alles, sagt er, habe er so nicht erwartet. Imponiert haben Finke auch die Verkehrssysteme in Japan: "Alles ist gut organisiert und logistisch perfektioniert." Die Mannschaft reise zu Auswärtsspielen für gewöhnlich mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen, was sehr angenehm sei.

Gleichwohl hat Finke in Japan auch schon fußballspezifische Eruptionen wahrnehmen müssen. Die Führungsriege des Klubs, die ihn gen Osten lotste, ist schon nicht mehr im Amt. Reformen habe dieses Präsidium gewollt, doch angesichts der auch in Japan "spürbaren Wirtschaftskrise", habe der Haupteigner Mitsubishi kurzerhand die Notbremse gezogen und zwei Vertreter seines Vertrauens an die Klubspitze beordert. Auswirkungen auf den sportlichen Bereich hat Finke gleichwohl keine konstatieren müssen; "die stehen hinter meiner Konzeption".

Mit der japanischen Sprache, wen wundert’s, hapert es noch gewaltig. Doch das ist für Finke kein Problem, weil es mit der Kommunikation trotz allem ganz gut klappt. Weil: "Vieles läuft auf Englisch. Ich habe eigens meine Kenntnisse auf Vordermann gebracht." Wobei die Mannschaft unerwartetes Entgegenkommen zeigt: "Die Spieler nehmen jetzt alle Englischunterricht." Und das, obschon er die Lerneinheiten gar nicht angeordnet habe; "die wollten das so".

Bleibt noch die Zeit außerhalb des Fußballs. Doch die ist, wie gesagt, bislang noch ein bisschen knapp bemessen. Klar, den Tag und Nacht pulsierenden Hot-Spot Tokio hat sich Finke schon angeschaut, und zusammen mit seiner Frau Reinhild, die den Trip mitgemacht hat und derzeit fleißig Japanisch lernt, ist er auch schon mal in den Kinos der Metropole unterwegs gewesen. Ein kleines Netzwerk interessanter Leute hat er zudem kennengelernt und die Tatsache genossen, "dass es inmitten des ganzen Trubels auch stille Orte gibt" – Schreine und Tempel, hübsche Gärten und ebensolche Teehäuser. Fremd und gewöhnungsbedürftig bleibe vieles trotzdem.

Ob er dort die Zeitungen mit den News aus der Heimat liest? Nein, sagt Finke, dazu habe er gar keine Zeit. Nicht mal die Ergebnisse und die Mannschaftsaufstellungen aus der Bundesliga kenne er mehr vollständig. Klinsmanns Rauswurf bei den Bayern? "Klar", sagt er, "den habe ich mitbekommen."

Vorläufig wird Finke an der Dreisam nicht mehr auftauchen; "es sei denn, ein familiäres Ereignis macht einen SOS-Besuch in der Heimat notwendig". Der Grund der Abstinenz liegt auf der Hand: In Japan wird im Sommer durchgespielt, Pause ist erst im Dezember und Januar – wenn man nicht in entsprechenden Pokalwettbewerben im Einsatz ist. Heimweh verspürt Finke aber nicht: "Die Arbeit hier lässt mir gar keine Zeit, über so etwas auch nur nachzudenken."

Autor: Michael Dörfler