15. Januar 2009
Sportler müssen Platz machen
Während des Nato-Gipfels im April benötigen die Polizisten Turnhallen / Terminkollision mit den Fußball-Bundesligen
FREIBURG. Wenn die Nato am 3. und 4. April in Straßburg und Baden-Baden ihr 60-jähriges Bestehen feiert, hat die Frage nach der Sicherheit höchste Priorität. In beiden Städten wird es zahlreiche Einschränkungen für die Bevölkerung geben. Aber nicht nur dort: Selbst der Sport hat zurückzustehen, wenn sich Staatsmänner und Gäste des nordatlantischen Bündnisses ein Stelldichein geben. Die Handballer in der Ortenau werden einen ganzen Spieltag verlegen müssen – vermutlich werden sogar Spielpaarungen in den Fußball-Bundesligen entsprechend angesetzt.
Als Erstes hat der Südbadische Handball-Verband gehandelt. Alle Spiele, die zwischen Freitag und Sonntag, 3. bis 5. April, hätten stattfinden sollen, wurden kurzerhand abgesetzt. Der Grund liegt auf der Hand. Die Polizei benötigt in der Ortenau und auch drum herum zahlreiche Sporthallen, die während der Nato-Feierlichkeiten zu Ruheräumen und Verpflegungsstationen für die diensthabenden Beamten umgewidmet werden. Immerhin werden rund 14 000 Polizisten über dieses April-Wochenende in Südbaden zusammengezogen, etwa 8000 davon aus Baden-Württemberg, der Rest aus anderen Ecken der Republik.Werbung
"Eine Heidenarbeit", weiß Matthias Zeiser, der Sprecher der "BAO Atlantik", die in Freiburg ihren Sitz hat und im Breisgau die gesamte Planung leistet. Bei der besonderen Aufbauorganisation (BAO) bedauert man fast ein bisschen, dass man das Spielparkett der Handballer konfiszieren musste, aber anders, so Zeiser, sei eine sach- und fachgerechte Betreuung der Beamten halt nicht zu gewährleisten.
Bei den Ballwerfern wird es aber vermutlich nicht bleiben. Vor einiger Zeit schon hat sich das Innenministerium in Stuttgart bereits an den Deutschen Fußball-Bund in Frankfurt gewandt. Inhalt des Schreibens: Man möge doch bitte prüfen, ob eine Verlegung der an diesem Wochenende stattfindenden Bundesligaspiele möglich sei. Hintergrund: Im Stuttgarter Ministerium fürchtet man laut Sprecher Günter Loos, dass das Reservoir der Sicherheitskräfte dank des Gipfels irgendwann erschöpft sein könnte. Immerhin müssen die Beamten manchmal auch bei den Spielen der Bundes- und Drittligisten in Hundertschaften Präsenz zeigen. Meist nur vorbeugend – oft aber auch, um die Streithähne unter den Anhänger der beteiligten Mannschaften auseinanderzuhalten.
Treffen könnte es die für besagtes Wochenende terminierten Spiele in Karlsruhe, wo Borussia Mönchengladbach zu Gast ist, und in Freiburg. Denn der Sportclub empfängt Anfang April Rot-Weiß Ahlen. Und der Aufsteiger wird im Breisgau aller Voraussicht nach jedenfalls nicht an einem Freitag antreten müssen.
Noch sind die Spiele von der Deutschen Fußball-Liga nicht endgültig terminiert, doch aus Frankfurt drang gestern die Kunde, dass man die Begehrlichkeiten aus Stuttgart durchaus Ernst zu nehmen gedenkt. Helmut Span jedenfalls, der beim Deutschen Fußball-Bund für Sicherheitsfragen zuständig ist, versicherte, "dass wir alles tun, um die Polizei zu unterstützen". Will heißen: In Karlsruhe könnte am Sonntag gespielt werden, in Freiburg sonntags oder montags. Bei der Terminplanung werden man den Nato-Gipfel jedenfalls berücksichtigen, sagte Span, der – ganz beiläufig – aber auch die Bedürfnisse der Fernsehanstalten erwähnte: "An bestimmten Verträgen kommen wir nicht vorbei."
Bei den Klubs wusste man bis gestern noch von nichts. Detlef Romeiko, Verwaltungsdirektor des SC Freiburg, war die Problematik noch nicht zu Ohren gekommen, und auch in Karlsruhe waren die Überlegungen noch nicht angekommen.
Ein weiteres Problem könnte sich über die dritte Liga ergeben. Denn an besagtem Wochenende ist der VfR Aalen Gastgeber von Dynamo Dresden. Die Partie wird von der Polizei als Hochsicherheitsspiel eingestuft, schließlich gehört Dresdens Fanschaft zur zahlenmäßig größten in der dritten Liga – und viele Anhänger der Sachsen gelten als gewaltbereit.
Anfang April will Baden-Württemberg seinem Namen jedenfalls alle Ehre machen und sich als wahres Musterländle präsentieren. Randale kann man da keine gebrauchen, sei’s nun im Umfeld der Politik- und Militär-Promis oder auch in oder außerhalb der Fußballstadien. Noch viel mehr drücken aber wohl die Kosten der Nato-Feierlichkeiten. Gut und gerne 50 Millionen Euro, so schätzt Günter Loos, werden die Tage im April verschlingen – und noch weiß keiner so genau, wer die Rechnung begleichen wird.
Autor: Michael Dörfler




