23. April 2009 16:34 Uhr
Porträt
Einarmiger Fußballer wechselt in die Verbandsliga
"Lieber Arm ab, als arm dran": Juri Kuhn hat kein Problem damit, die Umkehrung eines alten Wortwitzes auszusprechen. Er lächelt dabei und er fügt an: "Ich fühle mich nicht arm dran." Vor 20 Jahren wurde er geboren – ohne linken Unterarm.
Warum er nicht komplett zur Welt gekommen ist? Der junge Bezirksliga-Fußballer Kuhn ist sich nicht sicher, aber es gibt einen starken Verdacht. Als im ukrainischen Tschernobyl 1986 ein fatales Experiment im vierten Block eines Kernreaktors dazu führte, dass radioaktives Material freigesetzt wurde, war sein Vater Leo in Nähe und atmete "die Wolke" ein. Zwei Jahre und neun Monate später erblickte Juri Kuhn im kasachischen Issyk das Licht der Welt. Weitere zwei Jahre später siedelte die deutschstämmige Familie aus und kam über Freudenstadt nach Bad Krozingen, wo sich Jung-Juri dem örtlichen Fußball-Club anschloss.
Viele Menschen mit körperlichen Handicaps treiben erfolgreich Sport. Der einarmige Juri Kuhn ist in gewisser Hinsicht aber wohl einmalig: "Ich kenne in der Region keinen anderen einarmigen Fußballer – und auch nicht in der Verbands- oder Oberliga", stellt er fest. Und genau dort will er hin, auch um zu zeigen, was ein Fußballer ohne Unterarm leisten kann. Zur kommenden Saison wechselt er vom abstiegsbedrohten Bezirksligisten FC Bad Krozingen voraussichtlich zu einem Verbandsligisten an den Kaiserstuhl, wo er sich einen Stammplatz erkämpfen – vor allem aber sich weiterentwickeln will. Was auch außerhalb des Rasenrechtecks gilt: Nach Abschluss seiner Ausbildung zum Automobilkaufmann in einer Bad Krozinger Opel-Niederlassung will er im Freiburger Walter-Eucken-Gymnasium an seinem Abitur basteln.
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"Ich habe eine Prothese", verrät Kuhn, "aber ich benutze sie nicht" – als ob er sein Handicap ganz bewusst nicht verstecken will. Schließlich kann er (fast) alles, was vollständige Mitmenschen auch können: Brötchen aufschneiden, Schnitzel schneiden, Fahrrad- und Autofahren, letzteres dank Automatik-Getriebe.
Bei seinem Sport kommt es, nomen est omen, in erster Linie auf die unteren Extremitäten an, oder auch auf den Kopf; ganz ohne Hände geht Fußball freilich auch nicht. So kann Kuhn keine Einwürfe aufführen, weil dies laut Regelwerk mit zwei Händen zu geschehen hat. Und wenn sich die Schnürsenkel der Kickstiefel gelöst haben, gehen Kuhn die Kollegen zur Hand: "Ich kriege das auch selbst hin", sagt er, "nur nicht so schnell."
so halten, dass der
Schiedsrichter es nicht sieht"
Juri Kuhn
Nach C-und B-Jugendjahren beim Freiburger FC kehrte Kuhn nach Bad Krozingen zurück, weil er beim FCB Gelegenheit hatte, als A-Junior in der ersten Mannschaft zu spielen. Offensiv und defensiv stark entwickelte sich der 20-Jährige, der "jedes Spiel gewinnen" will, auf der linken Seite zu einem Leistungsträger und trug zu Beginn der laufenden Saison die Kapitänsbinde.
Aber die Saison geriet für den Titelanwärter der vergangenen Spielzeiten anders als gedacht. Die Mannschaft geriet in Abstiegsgefahr, und Kuhn empfand die Last als Spielführer doppelt: Er gab die Binde zurück: "Wenn wir Erfolg gehabt hätten, hätte ich es nicht getan" sagt er. Vielleicht wird ihm die Würde später wieder einmal angetragen. Denn Juri Kuhn kann Menschen Mut machen – solchen mit und ohne Handicap.
Obwohl es für den FC Bad Krozingen in der Rückrunde besser gelaufen ist, schwebt er weiter in akuter Abstiegsgefahr. Und nun geht es am Sonntag zum innerstädtischen Rivalen SV Biengen, der noch vage Aufstiegschancen hat. Ein Derby mit vielen Zuschauern – normalerweise wäre es ein Fest für den Bad Krozinger "Siebener". Nun aber ist es ihm "egal, wie ich spiele – was zählt, ist die Mannschaftsleistung. Uns helfen nur drei Punkte."
Es klingt, als wäre Juri Kuhn immer noch Kapitän.
Wie das Spiel auch ausgeht: Der Sonntag wird ihm in Erinnerung bleiben – der Tag 23 Jahre und 24 Stunden nach dem Super-Gau von Tschernobyl.
Autor: Claus Zimmermann






