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26. Juni 2012
Italiens Elfmeterkünstler Andrea Pirlo: Ausgelöffelt
Andrea Pirlo ist der alte Architekt des neuen Italien und voller Vorfreude auf Deutschland.
KIEW. Auch ein Andrea Pirlo bewegt sich mitnichten als alterslose Erscheinung auf dieser Welt. Seine Mähne mag noch so mächtig wirken wie immer, aber sein kantiges Gesicht zeigt Züge eines unvermeidlichen Prozesses. Er hat tiefe Falten bekommen; aus der Nähe hat das jeder später sehen können in dieser magischen Nacht von Kiew. Denn nach dem Viertelfinal-Drama im Olympiastadion, das mit den Italienern den nicht nur nach Pirlos Meinung verdienten Sieger hervorbrachte, haben sich unweigerlich viele Scheinwerfer auf den mittlerweile 33-Jährigen gerichtet.
Wie immer ist der stille Stratege mit hängenden Schultern und schlaffer Haltung aus der Kabine gekommen, auch der dunkelblaue Trainingsanzug saß mal wieder nicht wirklich gut. Anders als sonst hat der Mann auf dem vertrackten Weg zum Mannschaftsbus sogar angehalten: Einige Male reckte er freudig den Daumen nach oben, dann kritzelte er seine Unterschrift auf irgendwelche Zettel, obwohl dieser Bereich eigentlich nicht Fan-Zone, sondern Mixed Zone hieß. Und: Pirlo redete sogar ein bisschen, obwohl er gemeinhin die Aura des Unantastbaren ungern aufgibt.
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Der Anti-Held hält sein Privatleben bis auf die Tatsache, glücklich verheiratet zu sein und einen Sohn und eine Tochter zu haben, erfolgreich unter Verschluss; er gibt im Lande des großen Palavers den geheimnisvollen Schweiger, denn meist findet der Meisterspieler von Juventus Turin, dass mit einem Auftritt auf dem Platz genug gesagt sei. Im Grunde war es das ja auch gegen England wieder, wenn nicht noch dieser Elfmeter gewesen wäre, an dem sich die Tifosi nicht satt sehen können. "Ich habe gesehen, dass der Torwart angespannt war und sich früh bewegt", berichtete Pirlo, "und dann habe ich mich so entschieden."
Wieder einmal führte die Intuition bei ihm Regie; auch bei diesem sagenhaften Strafstoß, der höchst verdächtig ist, den Antonin-Panenka-Gedächtnispreis zu bekommen. So wie einst das Schlitzohr der früheren Tschechoslowakei bei der EM 1976 in dreister Art den Deutschen Torhüter Sepp Maier verlud, lag nun Englands Tormann Joe Hart auf dem Hosenboden – der Anfang vom Ende für die vom Elfmeterschießen traumatisierten Insel-Kicker. Cucchiaio (Löffel) wird ein solcher Kunstschuss in Italien genannt.
Es ist unstrittig, dass Pirlo viele überragende Länderspiele bestritt; aber hat er je das Geschehen so geprägt wie in seinem 87. Einsatz? Als Fixpunkt für Dominanz. Als Prototyp für Eleganz. 146 Pässe hatte Pirlo in 129 Minuten inklusive Nachspielzeit geschlagen und davon 25 von 32 langen Zuspielen zum Mitspieler gebracht. Er kann defensiv denken und gleichzeitig offensiv lenken, weil ihn mit dem neuen Vereinskollegen Claudio Marchisio und dem langjährigen Weggefährten Daniele de Rossi lauf- und einsatzfreudige Verbündete flankieren. Aber: Allein Pirlos Pässe zerschneiden ein Abwehrbollwerk wie ein Seziermesser; oft geht der listige Einfädler hinterrücks vor, weil er mit Vorliebe die Bälle in die sogenannten Schnittstellen legt. Mit der Leichtigkeit des Hochbegabten.
Die Auszeichnung zum "Man of the Match" nahm der kürzlich auch zum besten Spieler der Serie A gewählte Profi mit einem generösen Kopfnicken entgegen. "Das Wichtigste für unsere Mannschaft ist das Halbfinale gegen Deutschland. Das wird schwer, denn die Deutschen sind ohne Probleme durchmarschiert." Aber haben die Deutschen auch ein wirkungsvolles Gegenmittel gegen diesen Großmeister des Rasenschachs? Pirlo verriet für den Showdown in Warschau nur dies: "Wir hoffen, dass wir wieder ins Finale kommen." Dann grinste er diebisch. War er nicht der azurblaue Bösewicht, der damals in der schwülwarmen Dortmunder Sommernacht des 4. Juli 2006 kurz vor Ende der Verlängerung des WM-Halbfinals diesen verteufelten Pass gab, mit dem Fabio Grosso an einem untätigen Michael Ballack vorbei unhaltbar vollendete? Pirlo war es! Und vielleicht ist die Erinnerung in ihm noch so frisch, dass er sich freut wie ein kleines Kind, noch einmal eine solche Bühne betreten zu dürfen, nachdem die Dienstreise zur WM in Südafrika auch deshalb zum italienischen Desaster geriet, weil Pirlo wegen einer Wadenverletzung nur 34 Minuten mitmachen konnte. Italiens neuer Nationaltrainer Cesare Prandelli mag mit vielem im Lande des Catenaccio gebrochen haben, aber an seinem alten Architekten würde er nicht rütteln. Damals wie heute ruhen die Hoffnungen auf Pirlo, der aus der Tiefe des Raumes immer den besten Gestalter dieses Turniers abgibt.
Autor: Frank Hellmann





