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26. Juni 2012 00:03 Uhr

Interview

Lukas Podolski: Ich will den Titel

Lukas Podolski hat das EM-Spiel gegen die Griechen auf der Bank verfolgt. Ein Interview über seine Situation im Nationalteam, das Halbfinale gegen Italien und riskante Elfmeter.

  1. Lukas Podolski kam im Spiel gegen die Griechen nicht dazu, seinen Trainingsanzug auszuziehen. Foto: AFP

BZ: Herr Podolski, können Sie sich noch an den Moment erinnern, als der Italiener Grosso in der Verlängerung des Halbfinales der WM 2006 das entscheidende Tor gegen Deutschland erzielte?
Podolski: Natürlich. Durch dieses Tor war unser Traum dahin. Man spielt bei der WM im eigenen Land vor 80 000 Zuschauern, ist mitten drin und muss mitansehen, wie der Ball einschlägt. Da ist dann nur noch eine große Leere.

BZ: Michael Ballack hat damals geweint. Sie auch?
Podolski (schmunzelt): Ich bin eher einer, der seine Tränen nicht zeigt. Damals war ich zudem noch sehr jung.

BZ: Spielt die Erfahrung von damals für den jetzt "alten" Lukas Podolski noch eine Rolle?
Podolski: Nicht wirklich. Wir sind inzwischen eine ganz andere Mannschaft, haben eine andere Philosophie, spielen ein anderes System.

BZ:
Sind die deutschen Chancen dadurch besser als damals?

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Podolski: Ich denke schon. Wir haben eine bessere Qualität und spielen einen besseren Fußball als 2006.

BZ: Aber wie es scheint, sind die Italiener bei dieser EM auch ganz gut drauf.
Podolski: Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie so weit kommen nach der ganzen Unruhe durch die Wettgeschichten im Vorfeld des Turniers. Aber sie haben sich bislang überzeugend durchgesetzt. Auch im Viertelfinale gegen England waren die Italiener die bessere Mannschaft.

BZ: Haben Sie Ihre potenziellen Gegenspieler genauer beobachtet?
Podolski: Nein, ich habe die Partie einfach als Fan geschaut.

BZ: Und was sagt der Fan Lukas Podolski zum Elfmeter von Pirlo?
Podolski: Sensationell, was soll man sonst dazu sagen? Wenn es schiefgeht, ist er der Idiot. So ist er der Held und alle Welt spricht über diesen Elfmeter.

BZ: Sie selbst haben bei der WM 2006 im Viertelfinale gegen Argentinien im Elfmeterschießen getroffen. Bei der WM 2010 im Spiel gegen Serbien …
Podolski (lacht): ...da habe ich auch getroffen, stimmt.

BZ: Von wegen, da haben Sie verschossen. Wie sähe es diesmal aus? Würden Sie in einem Elfmeterschießen antreten?
Podolski: Ich denke schon. Zuletzt habe ich ja alle meine Elfmeter verwandelt.
BZ: Kommt die Pirlo-Variante für Sie in Frage?
Podolski (lacht): Kaum. Ich will nicht wissen, was in Deutschland los wäre, wenn ich den versemmeln würde.

BZ: 2006 fand das Halbfinale in Deutschland statt, nun wird in der polnischen Hauptstadt Warschau gespielt. Sie besitzen beide Staatsbürger-
schaften...
Podolski: ...nein, nur eine.

BZ: Es hieß aber immer, dass Sie beide Staatsbürgerschaften besitzen, jedoch keinen polnischen Pass.
Podolski: Hmmmh. Einen Pass habe ich sicher nicht, aber ob ich beide Staatsbürgerschaften habe, weiß ich jetzt gar nicht mehr so genau. Da müssten Sie mal meine Eltern fragen.

BZ: Okay, lassen Sie uns das ein anderes Mal klären. Sprechen wir über das Halbfinale in Warschau. Es ist das letzte EM-Spiel in Polen – und der Pole Lukas Podolski darf möglicherweise wieder nicht mitwirken, nachdem er bereits im Viertelfinale gegen Griechenland auf der Bank saß. Beschäftigt Sie der Gedanke?
Podolski: Ich war schon enttäuscht, dass ich in Danzig nicht spielen durfte. Aber ich bin überzeugt davon, dass ich in Warschau auf dem Platz stehen werde.

BZ: Sie klingen verdammt sicher.
Podolski: Sicher kann man sich nie sein, aber mein Gefühl ist gut. Der Bundestrainer und ich hatten vor dem Griechenland-Spiel ein gutes Gespräch.

BZ: Wie hat Joachim Löw Ihnen die Ersatzbank schmackhaft gemacht?
Podolski: Er wollte in der Offensive etwas ausprobieren. Es ist sein gutes Recht, die Mannschaft und unser Spielsystem so zu gestalten, wie er das für richtig hält. Der Bundestrainer muss uns Spielern gegenüber nicht immer alles begründen.

BZ: Sie haben 100 Länderspiele bestritten, waren stets unumstrittener Stammspieler. Was ist es für ein Gefühl, wenn man sich plötzlich nicht mehr sicher sein kann, dass man spielt?
Podolski: Wer sagt denn, dass ich meinen Stammplatz nicht mehr habe?

"Wut oder Frustration

wäre ein großer Fehler."

BZ: Gegen die Griechen hatten Sie ihn jedenfalls nicht.
Podolski: Ich habe schon so viel erlebt, so viel mitgemacht, viele Spiele und Turniere hinter mir. Das kann mir keiner nehmen. Deswegen geht für mich die Welt nicht unter, nur weil ich einmal auf der Bank sitzen musste. Vor mir liegen noch so viele Jahre und Spiele. Ich nehme es sportlich. Kein Problem.

BZ: Sie wirken erstaunlich locker und gelassen. Kommen keine Gefühle wie Trotz oder Wut in Ihnen hoch, wenn Sie nicht spielen dürfen?
Podolski: Das sind negative Begriffe, die einen nicht weiterbringen. Man muss positiv an die Sache herangehen. Wut oder Frustration aufkommen zu lassen, wäre der größte Fehler, den man machen kann.
BZ: Die jungen Spieler wie André Schürrle und Marco Reus üben aber mächtig Druck auf die etablierten Kräfte aus. Wie empfinden Sie das?
Podolski: Ich war früher in der gleichen Rolle. Wir in Deutschland können uns doch glücklich schätzen, dass die nächste Generation bereits da ist. Wenn man nach Spanien oder Italien schaut, ist das nicht so. Da kommt nichts nach. Die haben keine 18-, 19- oder 20-Jährigen auf der Bank sitzen. Und schon gar nicht in der Startformation.

BZ: Es heißt, Sie seien ein Spieler, der enorm viel Vertrauen braucht, um gut Fußball spielen zu können. Spüren Sie dieses Vertrauen momentan?
Podolski: Jeder Spieler braucht ein vertrautes Umfeld. Natürlich gibt es Spieler, die sagen: Ich gehe irgendwo hin, bekomme einen guten Vertrag, spiele dort drei Jahre und komme dann wieder zurück. So bin ich nicht. Ich muss mich wohlfühlen. Das war in Köln so – und ich bin sicher, dass es auch bei meinem künftigen Verein Arsenal London so sein wird.

BZ: Aber jetzt geht es um die Nationalmannschaft. Und um Joachim Löw. Zu ihm sollen Sie ein besonders gutes Verhältnis pflegen.
Podolski: Ich kenne ihn nun schon seit sechs Jahren. Da entsteht natürlich eine Beziehung. In meinen Vereinen, ob in Köln oder München, wurden teilweise halbjährlich die Führungspositionen neu besetzt. Es kann sich nichts entwickeln, wenn ständig der Trainer oder der Manager ausgetauscht wird. Oder wenn plötzlich der Vorstand weg ist. Da fehlen einem Bezugspersonen. Und die braucht man.

BZ: Ist Joachim Löw so eine Bezugsperson für Sie?
Podolski: Er hat über Jahre einen sensationellen Job gemacht, eine neue Philosophie, ein neues System entwickelt. Wenn man das alles hier betrachtet, kann man nur sagen: Das ist einfach gut. Wenn die Nationalmannschaft ein Verein wäre, dann wäre sie der optimale Verein.

BZ: Wenn es da nicht den Maulwurf gäbe.
Podolski: Dass aus internen Sitzungen Informationen nach außen gelangen, ist nicht schön. Wie so etwas passieren konnte, kann ich mir nicht erklären. Von mir kommen die Infos jedenfalls nicht.

BZ: Aber Sie können uns völlig legal über Ihre weiteren EM-Ziele informieren.
Podolski: Ich will den Titel. Und ich will der Mannschaft dabei helfen, ihn zu gewinnen – sei es nun in der Defensive oder in der Offensive.
BZ: Aber Sie sind eher …
Podolski: ...ein offensiver Typ. Natürlich. Meine offensiven Qualitäten sind zweifellos besser als die in der Defensive. Aber manchmal muss man eben im Sinne der Mannschaft denken und seine eigenen Stärken zurückstellen.
Lukas Podolski

Der 27-jährige Nationalspieler hat sowohl die deutsche als auch die polnische Staatsbürgerschaft. Sein Bundesliga-Debüt gab Lukas Podolski 2003 für den 1. FC Köln, für den er bereits in der Jugend spielte. 2006 wechselte er zum FC Bayern München, 2009/10 kehrte er nach Köln zurück. Zur nächsten Saison wechselt er zu Arsenal London. Für die deutsche Nationalmannschaft spielte er zum ersten Mal 2004. Podolski ist verheiratet und hat einen vierjährigen Sohn. (lo)

Autor: René Kübler