Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
20. Juni 2012
EM-Selbstversuch eines Säckingers
Simon Stortz: 42 Stunden im Auto unterwegs - wegen eines Fußballspiels
Simon Stortz wollte das Spiel Deutschland gegen Dänemark vor Ort in Lviv sehen – und setzte sich 42 Stunden lang ins Auto.
BAD SÄCKINGEN/LVIV. Schlechte Infrastruktur, tollwütige Straßenhunde, korrupte Polizisten, halbfertige Stadien, überteuerte Hotels, stundenlange Wartezeiten an der Grenzen: Die Liste mit möglichen Gefahren und Hindernissen während der Fußball-Europameisterschaft (EM) ist lang. Simon Stortz wollte selbst ausprobieren, ob die Reise in die Ukraine wirklich so beschwerlich ist. Zusammen mit vier Studienkollegen der Universität Freiburg fuhr der gebürtige Bad Säckinger zum Spiel Deutschland gegen Dänemark nach Lviv. Ein Selbstversuch.
Samstagnacht, 3 Uhr, in Freiburg: Während die letzten England-Fans auf dem Heimweg aus dem Irish Pub den Sieg ihrer Elf über Schweden bierselig besingen, heißt es für uns Abfahrt. 3112 Kilometer liegen vor uns. Insgesamt 42 Stunden zu fünft in einem 17 Jahre alten Opel Astra. Dazu Temperaturen über 30 Grad. Die Voraussetzungen waren ideal, um die Reisewarnungen für die Ukraine auszutesten. Wir kommen sehr gut voran. Die Autobahn in Polen ist neu gebaut und in einem tadellosen Zustand. In Krakau endet die Ausbaustrecke. Wir nähern uns der Außengrenze der Europäischen Union. Die Prioritäten für Infrastrukturprojekte scheinen hier niedriger zu sein. Dafür finden sich immer mehr EM-Touristen ein. Gemeinsam mit einer Gruppe dänischer Fans bilden wir spontan einen Autokorso bis zur ukrainischen Grenze.Werbung
22.30 Uhr Ortszeit: Nach elf Minuten Wartezeit sind wir in der Ukraine. Ein Pferdegespann, das in der letzten Abenddämmerung die Autobahn überquert, heißt uns willkommen. Lviv liegt jetzt nur noch 60 Kilometer von uns entfernt. Erst die Einfahrt in die Stadt offenbart, weshalb die Infrastruktur im Vorfeld so häufig kritisiert wurde. Selbst die Hauptstraßen in der 760 000 Einwohner zählenden Stadt sind gepflastert. Es ist ein bisschen wie auf dem Münsterplatz, aber eben nur ein bisschen. Zwischendrin ragen Metallteile der Straßenbahngleise aus dem welligen Untergrund. Nach 21 Stunden Reisezeit sind wir um 1 Uhr nachts in unserem Hostel. Allerdings nicht alleine. Während der Suche nach dem richtigen Weg hat sich unterwegs Vladimir aus Lviv angeboten, uns den Weg zu zeigen. Der Mittvierziger scheint sich über Besucher wie uns zu freuen. Im Hostel lädt Vladimir uns auf ein Willkommensgetränk ein. Danach erzählt er uns noch bis um halb vier Uhr morgens von Lviv und der Ukraine.
Sonntagmorgen: Aufstehen, die Fahnen von Deutschland und Dänemark ins Gesicht schminken und ab in die Stadt. Die Deutschland-Fans sind in der Überzahl, die Dänemark-Fans dafür lauter. Auch die Lokalbevölkerung ist vom EM-Fieber gepackt. Von den örtlichen Hooligans, vor denen immer wieder gewarnt wurde, ist nichts zu sehen. Eine Gruppe von 15 ukrainischen Rentnern, die auf einem schattigen Plätzchen in der Fan-Zone sitzen, macht mit den Fans eine La-Ola-Welle nach der anderen. Im Hintergrund hängt ein Wahlplakat eines Oppositionspolitikers, das ihn gemeinsam mit der inhaftierten Julia Timoschenko zeigt.
ist ein Meer aus Rot und Weiß
"Durchfeiern und dann mit dem Zug nach Danzig fahren. Dort warten die Griechen auf uns", krächzen die beiden Deutschland-Fans Thomas und Johannes auf die Frage, wie der Rückreiseplan aussieht. "Das Viertelfinale würden wir auch gerne mitnehmen", lautet die spontane Antwort von Simone und Stefan aus unserer Reisegruppe. Warum? "Die Fahrt in die Ukraine hat sich wirklich gelohnt."
Autor: Simon Stortz



