Ausgeträumt?

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Fr, 12. Oktober 2018

Fussball International

Roman Abramowitsch, dem  russischen Milliardär und Besitzer von Chelsea London, droht das Aus als britischer Fußballzar.

MOSKAU. Pressekonferenzen meidet er, sein letztes Interview soll er vor mehr als zwölf Jahren gegeben haben. Aber es gibt Momente, da öffnet Roman Abramowitsch, 51, seine Seele sperrangelweit: Etwa im Mai 2017, als sich der langjährige Chelsea-Kapitän John Terry vor den jubelnden Fans an der Londoner Stamford Bridge verabschiedete, per Mikrofon auch dem "besten Eigentümer im Weltfußball" dankte.  Abramowitsch stand strahlend in seiner VIP-Loge, winkte Terry, und faltete seinerseits die Hände zu einer demutsvollen Dankesgeste.

Eineinhalb Jahre nach dem Spieler Terry könnte sich nun auch der Besitzer Abramowitsch von seinem Lieblingsklub trennen. Seit Monaten spekulieren die Medien über einen möglichen Verkauf Chelseas, angeblich verlangt der Russe für den Klub die Rekordsumme von umgerechnet etwa 3,5 Milliarden Euro. Damit reagiert der Kreml-nahe Geldmann offenbar auf Probleme, die die britischen Behörden ihm neuerdings machen.

Abramowitsch kaufte Chelsea für 160 Millionen Euro

Abramowitsch kaufte den vom Bankrott bedrohten FC Chelsea im Juni 2003 für 160 Millionen Euro. Und er schob gleich 137 Millionen Pfund für Spielerkäufe nach. Prompt schaffte es Chelsea 2004 bis ins Champions-League-Halbfinale. Es folgten Jahre der Siege. Abramowitschs Team holte fünf nationale Meister- und einen Champions-League-Pokal, insgesamt 17 Titel. Dafür gab er bis dahin nicht gekannte Summen für Spitzenspieler wie Joe Cole, Didier Drogba, Peter Cech oder Arjen Robben aus. Der Russe verschliss zudem elf Trainer, zahlte laut dem Boulevardblatt The Sun allein 102 Millionen Euro Abfindungen an gefeuerte Coachs. Außerdem, so die Daily Mail, 2,8 Milliarden Euro für Gehälter, weitere 1,7 Milliarden Euro für neue Spieler.

"Abramowitsch zahlte als Erster verrückte Summen für Fußballspieler, das machten ihm aber bald arabische Scheichs in England oder Frankreich nach", sagt Samwel Awakjan, Chefredakteur des Moskauer Portals Sport24. Abramowitsch wurde der Mann, der die Mode im englischen Fußballprofi diktierte. Sein Geld produzierte sportliche Titel, auf die halb London stolz war. Und halb Russland. Die Londoner Fans skandierten "Kalinka, Kalinka", in sibirischen Provinzstädten eröffneten reihenweise Pubs mit dem Namen "Chelsea". Und in seiner Loge an der Stamford Bridge tauchte Lord Rothschild auf oder Bernie Ecclestone.

Jetzt aber tobt zwischen Briten und Russen ein neuer Kalter Krieg. Nach dem Giftanschlag auf Sergei Skripal im März, für den Großbritannien russische Geheimdienstler verantwortlich macht, bekam auch Abramowitsch Probleme. Die britischen Behörden verlängerten sein Ende April auslaufendes Visum nicht. Das Parlament erließ neue Gesetze gegen illegale Investitionen und neue Sanktionslisten, auf denen auch Abramowitsch stehen soll. "Wenn unseren Gesetzgebern der Mut reicht", schrieb die Zeitung The Times im März, "gerät außer seinen Immobilien auch Chelsea in Gefahr".

Im Mai beschaffte sich der Milliardär einen israelischen Pass, mit dem er jährlich sechs Monate ohne Visa in England leben kann. Aber laut der Agentur Bloomberg hat er sich dort seit Monaten nicht mehr blicken lassen. Und Chelsea stoppte den geplanten Ausbau des Stadions an der Stamford Bridge. Der Abschied von seinem Liebling würde  Abramowitsch wohl sehr weh tun. Obwohl Auditoren des Wirtschaftsprüfungsunternehmens  KPMG den Wert des Vereins auf 1,44 Milliarden Euro taxieren, lehnte Abramowitsch im Juni ein Angebot des britischen Großindustriellen Bill Ratcliffe von mehr als 2,3 Milliarden Euro ab, so die Zeitung Moskowski Komsomoljez.

Vielleicht auch, weil Abramowitsch nicht weiß, wohin mit dieser Summe. Als Unternehmer mit viel freiem Geld droht ihm in Russland, dass der Kreml ihn für staatliche Großprojekte zur Kasse bittet. Auch werde der Fußballfan Abramowitsch  in der Heimat wohl kaum glücklich, vermutet Samuel Awakjan, Chefredakteur des Portals sport24.ru: "Mangels Konkurrenz ist es sinnlos, hier hunderte Millionen Dollar in einen Klub zu stecken. Um Russlands Fußball wirklich zu ändern, müsste er drei bis vier Vereine kaufen." Sollte sich Roman Abramowitsch  wirklich von Chelsea trennen, würde er wohl noch lange von der Stamford Bridge träumen.